Sport : Ein Platz für Löwen

1860 träumt von der Wachablösung im Münchner Fußball

Daniel Pontzen

München. Er spricht nicht oft von dieser hässlichen Szene aus seiner Jugend. Doch es ist gut möglich, dass sie Franz Beckenbauer in diesen Tagen öfter in den Sinn kommt. Dann sitzt er da, den Sessel ans knisternde Kaminfeuer gerückt. Es könnte behaglich sein. Doch ihm ist speiübel angesichts der Versager in seinem Verein. Und er muss der Republik in gehetzten Sätzen erklären, wie man es besser machen müsste. In solchen Momenten, so drängt sich der Verdacht auf, würde sich der Mann am liebsten aus seinem Sessel erheben, zur Kuckucksuhr gehen und die Zeit zurückdrehen. Weit zurück: 1958. Selbst der Knorr-Suppe schlürfende Jungkaiser war ferne Zukunft. Der kleine Franz stand für den SC München 06 auf dem Platz. Und plötzlich kam ein garstiger Gegenspieler zu ihm und verpasste ihm eine Watschen. In jenem Moment, ließ Beckenbauer später wissen, sei in ihm der Entschluss gereift, nicht zu den berühmten Löwen zu wechseln, sondern zu den damals weniger geachteten Bayern. Die kleine Boshaftigkeit, so geht die Geschichte, hat damit den Lauf des Münchner Fußballs auf ewig festgelegt.

Auf ewig? In diesen Tagen gerät das Bild vom großen FC Bayern erheblich ins Wanken, und zeitgleich machen sich die Sechziger auf, endlich aus dem Schatten hervorzutreten. „Vielleicht können wir uns da vorne ein paar Wochen etablieren“, sagte Präsident Karl-Heinz Wildmoser jüngst, und auch wenn eine Wachablösung im Münchner Fußball nicht unbedingt bevorsteht, so lohnt sich doch ein Blick auf die gegensätzliche Situation der beiden Vereine.

Die Sympathien der meisten Münchner gehören ohnehin 1860. Selbst in Zeiten, als der Marienplatz dem Meister zu Ehren alljährlich in tiefem Rot versank und Sechzig in der Bayernliga der SpVgg Plattling und dem TSV Ampfing trotzte, war das nicht anders. Auch der Vergleich der sportlichen Führung spricht derzeit nicht für die Bayern. Beckenbauer, nach der AG-Umwandlung aus dem Tagesgeschäft verdrängt, geißelt wortreich alles und jeden, der an der Säbener Straße Verantwortung trägt. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und Manager Uli Hoeneß verweigern beharrlich Rückendeckung für den Trainer. Geordnete Kompetenzverteilung sieht anders aus. Etwa so wie bei 1860: Ein Organigramm der Entscheidungsgewalt beim TSV 1860 ließe sich mit einem Kreis und einem darin stehenden Namen darstellen. Mit dem von Karl-Heinz Wildmoser. Der Präsident, der für seine kickende Belegschaft regelmäßig charmante Kosenamen wie „Haubentaucher“ oder „Halberwachsene“ erfindet, herrscht in großmütiger Gutsherrenart an der Grünwalder Straße. Jüngst ließ er verkünden: „Der Peter Pacult, der kann doch froh sein, dass er einen Bundesligisten trainiert.“

Dabei macht Pacult – nimmt man Beckenbauers Forderungen zum Maßstab – seine Sache sehr manierlich. „Ich als Trainer würde es als große Herausforderung ansehen, mal einen jungen Spieler auszubilden und den in die erste Mannschaft zu bringen“, moserte der einstige DFB-Teamchef in Richtung Hitzfeld – ein Vorwurf, der Pacult kaum zu machen ist. Bedingungslos setzt der Österreicher auf junge Spieler wie Martin Stranzl, Remo Meyer und vor allem Benjamin Lauth, der bereits als nationaler Hoffnungsträger gehandelt wird. Owen Hargreaves und Roque Santa Cruz dagegen, erwiesenermaßen ausgestattet mit erheblichem Talent, haben selbst nach drei Jahren im Bayern-Kader noch keinen Stammplatz.

„Eine tote Mannschaft“ sei das, hat Beckenbauer gesagt. Ob er nun, nach mehr als 40 Jahren, noch die Fronten wechselt? Es wäre ihm nicht zu raten, denn mit noch größerer Inbrunst als 1860-Fans ihr Team lieben, hassen sie den FC Bayern und seine Angestellten. Die 1860-Spieler Harald Cerny und Michael Wiesinger, früher bei Bayern, erleben das heute noch regelmäßig, wenn sie vom eigenen Anhang ausgepfiffen werden. Egal, wozu sich der FC-Bayern-Aufsichtsratschef also entscheiden wird: Es ist nicht leicht in diesen Tagen, Franz Beckenbauer zu sein.

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