Sport : Ein Profi und sein Problem

Frank Bachner

Manchmal trägt Thomas Rupprath eine graue Baseballkappe, auf der steht vorne "Smart". Smart, das Auto. Journalisten sehen dann das Logo, und Rupprath weiß, was dann kommt. Also wartet er die Frage gar nicht ab. "Nein", sagt er dann, "das ist kein Sponsor. Die Kappe trage ich nur so." Und manchmal schiebt er dann auch noch hinterher: "Es tut sich nichts. Ich habe keinen Sponsor." Er redet schnell und betont unbekümmert. Als ob es ihn nicht groß störe, dass da keiner ist. Kein Sponsor.

Aber er ist zu betont locker. Er kann das ja nicht ehrlich so meinen. Kein Problem beschäftigt Rupprath mehr als fehlende Geldgeber. Er ist Profi-Schwimmer, er lebt nur vom Sport. Genau genommen lebt ein Profi-Schwimmer von den Sponsoren, die ihn unterstützen. Aber Rupprath hat keinen. Keinen einzigen. Er hat eine ausgezeichnete Bilanz, das schon: aktuell bester deutscher Schwimmer, 16 Medaillen bei EM, WM oder Olympischen Spielen. In Rostock, bei den Deutschen Kurzbahn-Meisterschaften, schwamm er Weltrekord über 200 m Schmetterling. Gestern, bei der Kurzbahn-EM in Antwerpen, erreichte der 24-Jährige mit der 4-x-50-m-Lagen-Staffel zweimal Weltrekord. "Es muss doch, verflixt nochmal, jemanden geben, der ihm einen Schokoriegel in den Mund schiebt", sagt Hennig Lambertz. Lambertz ist 30 und Ruppraths Trainer, und natürlich weiß er, warum kein Süßwaren-Hersteller seinen Schwimmer unterstützt. "Weil es ein Teufelskreis ist."

Weil Rupprath Profi ist. Schwimmer bekommen ohnehin selten Sponsoren, und wenn, dann nur, wenn sie große Titel vorweisen, vor allem olympische. Und, das ist das Wichtigste, es müssen Titel auf der 50-m-Bahn sein. Rupprath aber hat seine wichtigsten Trophäen nur auf der 25-m-Bahn gewonnen. 2000 wurde er Olympia-Dritter im großen Becken, aber nur mit der Lagen-Staffel. IMG, der US-Sportvermarkter, bei dem Rupprath seit einem Jahr unter Vertrag ist, bringt ihn damit nicht an den Mann.

Natürlich hätte sich Rupprath gezielt auf die 50-m-Bahn vorbereiten können, das wäre das Einfachste gewesen. Tatsächlich aber beginnt hier das Problem. "Wir konnten uns bisher nie optimal auf eine Langbahn-Saison vorbereiten", sagt Lambertz. Dazu hätte Rupprath trainieren müssen, intensiv und ausdauernd. Aber das kann er sich eigentlich nicht leisten. Er muss schwimmend Geld verdienen. Bei Einladungswettkämpfen, die eine Trainingsplanung stören. Vier Wochen vor der WM 2001 plante Lambertz 45 Trainingskilometer. Aber dann sagte Rupprath: "Ich möchte in Monaco und in Zagreb starten, da gibt es jeweils 3000 Mark." Passt nicht in den Trainingsplan, antwortete Lambertz. "Hör mal", sagte Rupprath, "ich brauche das Geld." Lambertz gab nach. Rupprath trainierte nur 25 Kilometer, und er war dadurch Tage später in WM-Form. Zu früh. Die WM begann erst zwei Wochen später. Dort belegte er dann die Plätze 8, 10 und 13. Auf seinen Spezialstrecken. Er gewann auch zweimal Silber, aber das ging unter.

Lambertz gab oft nach, er gab nach, weil er es musste. "Was machst du, wenn dein Athlet sagt, er habe noch zehn Mark in der Tasche." Rupprath bekommt 400 Mark Fahrtkostenzuschuss von seinem Verein, Bayer Wuppertal. Er bekommt Material von seinem Ausrüster. Er bekommt nicht mal die Eliteförderung, weil die Langbahn-Erfolge fehlen. Sonst bekommt er nichts.

Jetzt will er raus aus dem Teufelskreis. Er konzentriert sich ganz auf die 50-m-Bahn. Er streicht Einladungswettkämpfe. New York zum Beispiel. In New York hätte es vor ein paar Wochen für einen Sieg 10 000 Dollar gegeben. Zwei Abende lang hatte Rupprath überlegt. Dann siegte das Kalkül. Ein Risiko, natürlich. Einnahmen brechen weg. Und der nächste Langbahn-Höhepunkt ist nur eine EM, 2002 in Berlin. Doch um gut verdienen zu können, zählt eigentlich nur ein WM-Titel. Oder, besser noch, ein Olympiasieg. So lange muss Rupprath durchhalten. Eine lange Zeit, vielleicht ist sie zu lange. Aber ein paar Kleinigkeiten müssen sein. In Rostock, nach dem Ende aller Wettbewerbe, verkündete er: "Ich gehe jetzt Spare-Ribs essen." Die kann er sich noch leisten.

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