Sport : Ein Raumschiff zwischen den Zechen

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Von Oliver Trust

Gelsenkirchen. Vom vergangenen Winter bleiben Frank Neubarth wenig schöne Erinnerungen. Ein Tiefpunkt mit Krisen und Zweifeln musste er durchstehen. Beim SV Werder Bremen wollten sie ihn als Jugend- und Amateurtrainer nicht mehr. „Im Leben geht es immer auf und ab“, sagt er. „Neben dem beruflichen Punkt kam noch etwas anderes dazu. Ich habe mich von meiner Frau getrennt.“ Neubarth schluckt. „Oder besser: sie sich von mir." Als es emotional abwärts ging, rief Rudi Assauer an.

Jetzt wohnt Frank Neubarth in Gelsenkirchen-Buer, und viele in der Branche fragen sich: Warum kriegt ausgerechnet so einer einen der begehrtesten Jobs der Fußball-Bundesliga, den bei Schalke 04? Warum hat Assauer, der Schalke-Manager, ausgerechnet ihn geholt? „Ich habe ein bisschen Neid gespürt. Da fragten sich einige: warum nicht ich?“

Nun ist er wieder im richtigen Leben angekommen. Was den Fußball angeht. Mitten im Pott. „Hier“, sagt Neubarth, „sind die Leute direkt und sagen offen ihre Meinung. Das gefällt mir. Das ist anders als in Bremen.“ Aber auch in Gelsenkirchen beobachten sie ihn misstrauisch. Das spürt er nach einem halben Jahr, „in dem ich hier alles kennen lernen konnte“, während sein Vorgänger Huub Stevens lange sechs Monate Abschied nahm. Jetzt ist Neubarth Trainer auf Schalke.

Er sitzt da, trägt ein buntes Hemd, und das Hemd ist weit geöffnet. Es ist heiß, und er kommt vom Training. Manches kommt Neubarth noch unwirklich vor, nicht nur die Fußball-Arena, die aussieht wie ein Raumschiff, das vom Himmel geplumpst ist. Damit erinnert die Arena an ihn. Er ist ja auch mitten in die brodelnden Fußballleidenschaften rund um die Zechen eingeschlagen. „Vor einem Vierteljahr war ich schon unten“, sagt er. Manager Assauer hat ihm aber alles erklärt, der Besuch bei den Kumpels gehört dazu.

Assauer hat ihm auch erklärt, dass er, Neubarth, vergessen soll, was an glorreicher Vergangenheit an seinem neuen Klub klebt. Über 40 000 Dauerkarten haben sie verkauft auf Schalke, Stevens gewann mit der Mannschaft den Uefa-Cup und den deutschen Pokal. Neubarth handelte eine Meisterschaftsprämie aus und sagt mutig, er stelle sich dem Druck. Trotzdem konstatiert er ernüchtert: „Ich stecke in einer Schublade.“ Neubarth, der Anfänger. So sieht man ihn, und das nach 317 Bundesligaspielen, 97 Toren, zwei Meistertiteln, Pokalsiegen und dem Europacup-Sieg. „Ich bin nicht zufällig Trainer auf Schalke“, sagt er bestimmt. „Assauer hat nicht einfach in die Lostrommel gegriffen. Schon als Spieler konnte ich ein Spiel lesen.“

Assauer nennt das „hohe Spielintelligenz“. Schalkes Manager mag Kerle ohne schillernde Vita, die stattdessen einen Schuss Problematik mitbringen. Stevens kannte keiner, als Assauer ihn aus den Niederlanden holte. Er holte auch den umstrittenen Möller, den kantigen Rost, den schwierigen Böhme und Reck, den sie alle „Pannen-Olli" rufen. Neubarth passt ins Schema, er machte erst 1997 den Trainerschein. „Der ist jung, unverbraucht, ehrgeizig, und er quatscht nicht“, sagt Assauer. Die Zeitungen schrieben von Risiko und einer gewagten Aktion.

In ein paar Tagen wird Neubarth 40. Am 29. Juli. Das ist jung für einen Trainer, vor allem, wenn er die Schalker trainiert. In Bremen taufte ihn der damalige Trainer Otto Rehhagel „Sokrates“, weil Neubarth wenig sprach und nie den Showman markierte.

Seine trockene Art und der norddeutsche Akzent bleiben wie seine Zurückhaltung als unerschütterliche Markenzeichen. Neubarth sagt: „Auf eine solche Herausforderung habe ich immer gewartet.“ Das klingt wie: Sie werden mich schon noch kennen lernen. Die Spieler auch. „Da soll keiner zum Training kommen und das Hirn in den Spind hängen.“ „Meinen Weg“ nennt Neubarth seine spezielle Art. „Alles andere blockiert dich nur, und es kostet Energie, die ich lieber woanders investiere.“ Von Otto Rehhagel lernte er, wie „wichtig es ist, Spieler als Menschen zu behandeln". Von Aad de Mos, Rehhagels Nachfolger, „dass man nicht alles umkrempeln kann".

Nun muss Neubarth nur noch ein richtiger Schalker werden. Das Vereinslied von Schalke hängt in seiner Wohnung. „Textsicher bin ich noch nicht.“ Streng genommen beginnt seine Arbeit diese Woche noch einmal von vorne. Dann sind alle Nationalspieler und WM-Teilnehmer der Schalker im Training zurück. „Erst dann kann ich mit den Feinheiten beginnen“, sagt Neubarth.

Er freut sich auf seine neue Chance und darauf, dass der nächste Winter schöner wird als der vergangene, als ihn in Bremen keiner mehr wollte und seine Frau ging. „Der große Unterschied zu den anderen jungen Trainern“, sagt er, als sei noch etwas Werbung nötig, „ist: Ich komme nicht direkt aus dem Verein, sondern von außen.“

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