Sport : Ein Rekord macht keinen Meister

Leverkusen hat seit 24 Bundesligaspielen nicht verloren – gegen Köln aber nicht gewonnen. Vor allem blieb das Team den Beweis seiner Klasse schuldig

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Drückend überlegen, aber selber auch nicht aufrecht. Die beiden Leverkusener Augusto und Vidal hindern den Kölner Podolski am...dpa

Es waren nur zwei kurze Sätze von Toni Kroos. Aber diese Worte kamen ihm nicht zufällig über die Lippen. „Das war kein Rückschlag“, sagte der Leverkusener Mittelfeldspieler nach dem torlosen rheinischen Derby gegen den 1. FC Köln. „Wir lassen uns auch nicht von so einem Ergebnis verrückt machen.“ Und auch Trainer Jupp Heynckes wollte keine grundlegenden Rückschlüsse aus dem Auftritt seiner Spieler ziehen. „Man kann natürlich aus jedem Spiel etwas mitnehmen, aber einen Trend kann ich nicht erkennen“, wiegelte er ab.

Sie geben sich in Leverkusen derzeit größte Mühe, Ruhe zu bewahren. Und lenken auch ungefragt immer wieder die Aufmerksamkeit auf diese Eigenschaft, die ihrer Auffassung nach einer der wesentlichen Schlüssel zu einer erfolgreichen Saison ist. Ruhe bewahren – wie ein Mantra liegt dieses Motto über dem Klub. Sie wollen Gelassenheit demonstrieren. Auch wenn Heynckes anmerkt: „Eine Spitzenmannschaft hätte diese Partie mit 1:0 gewonnen.“ Gegen die Kölner Defensivkünstler hatte seine Mannschaft trotz eines Ballbesitzes von 63 Prozent kaum Torchancen zu Wege gebracht. Vor allem fehlten Spielfreude und Esprit, um dieses Abwehrbollwerk in seine Bestandteile aufzulösen. „Es ist aus Sicht der Kölner völlig legitim, so defensiv zu spielen“, sagte Heynckes.

Tatsächlich hatte die Mannschaft von Zvonimir Soldo nichts anderes vor, als den Spielverderber zu geben. Die Ergebnisse der letzten Wochen hatten den Kölnern zugesetzt, sie waren nicht zuletzt nach der desaströsen Heimniederlage gegen den VfB Stuttgart (1:5) kurz davor, ihren Kredit bei den sonst so treuen Anhängern zu verspielen. Das Derby kam ihnen als Stimmungsaufheller gerade recht. Vor allem Lukas Podolski, der in den vorangegangenen Partien nicht gerade durch übermäßigen Einsatz geglänzt hatte, grätschte und rannte, als ginge es um eine Saisonentscheidung. Auch wenn die Kölner im grauen Mittelfeld der Bundesliga versunken sind. „Beim Tabellenführer kann man nicht Fußball mitspielen. Da geht es nur über Kampf“, strahlte der 24-Jährige. „Für uns fühlt sich das Ergebnis wie ein Sieg an.“

Wie euphorisierend sich diese kämpferisch Leistung auswirkte, demonstrierten die Anhänger des FC in bemitleidenswerter Weise. Sie zündeten bengalische Feuer und bewarfen kurz von Spielende Kroos bei einem Eckball vor ihrer Kurve mit allen Gegenständen, die sie zur Verfügung hatten. Kroos blieb überraschend unverletzt.

Doch das alles änderte nichts an der enttäuschenden Vorstellung der Leverkusener, die sich in einem Zwiespalt befinden. Noch vor einem Jahr hätte sich die zunehmende Nervosität der Leverkusener Spieler in unbändiger Offensive widergespiegelt und sie wären das Risiko eingegangen, solch eine Partie sogar noch zu verlieren. Gegen den ungeliebten Nachbarn verlegten sie die Konzentration aber auch auf die Sicherung des eigenen Tores und waren dadurch zu gehemmt, um ihre große Offensivstärke auszuspielen.

Den Weg der Glückseligkeit haben sie noch nicht gefunden. Letztlich hat Bayer 04 einen Bundesligarekord mit 24 Spielen in Folge ohne Niederlage aufgestellt, eine äußerst respektable Leistung. Dennoch bleiben Zweifel, nicht nur wegen des elften Unentschiedens in der laufenden Saison. Sind diese Leverkusener ein Spitzenteam, das um die deutsche Meisterschaft mitspielen will? Oder sind sie doch nur eine hoch talentierte Mannschaft, die selber nicht daran glaubt, dass sie einen Titel gewinnen kann? Sportdirektor Rudi Völler vermittelt häufig den Eindruck, als hätte ohnehin nur der FC Bayern eine Garantie auf die Meisterschale und als glaube er selbst nicht so recht an den Triumph.

Heynckes versucht ein wenig dagegen zu steuern, auch nach dem Spiel gegen die Kölner. „Ich finde es lustig, dass ich immer wieder auf die Sticheleien aus München reagieren muss. Ich habe keine Bedenken, dass wir in den nächsten Wochen wieder zu unserer alten Stärke zurück finden“, sagte er. Denn eines wollen die Leverkusener auf keinen Fall: Ungeschlagen Vizemeister werden.

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