Sport : Ein Rennen ohne Sieger

Die Diskussion über eine Stallorder bei Ferrari trübt Alonsos Erfolg in Hockenheim – Vettel fährt auf Rang drei

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Als Fernando Alonso über die Ziellinie fuhr, pfiff es plötzlich. War es der Ferrari-Motor, die Benzinleitung, ein defektes Getriebe? Nein, das unangenehme Pfeifen kam von der Tribüne im Motodrom des Hockenheimrings. Der Spanier hatte gerade den Großen Preis von Deutschland vor seinem Ferrari-Teamkollegen Felipe Massa und dem deutschen Red-Bull-Fahrer Sebastian Vettel auf kontroverse Weise gewonnen. „Ich bin glücklich“, sagte Alonso später, doch die bittere Miene des Spaniers zeigte seine wahre Verfassung. Seine Laune verfinsterte sich noch, als er davon erfuhr, dass sein Teamchef Stefano Domenicali von den Rennkommissaren zum Rapport geladen worden war. Die Aufpasser des Automobil-Weltverbands (Fia) kamen zu dem Schluss, dass Ferrari eine unerlaubte Stallorder angewandt und damit laut Artikel 39.1 des Regelwerks einen Verstoß begangen habe. Demnach sind „Teamanweisungen, die das Resultat des Rennens beeinflussen, verboten”. Allerdings sprachen sie am Sonntagabend nur eine eher symbolische Geldstrafe von 100 000 US-Dollar gegen Ferrari aus – das Ergebnis blieb unangetastet. Ferrari verzichtete „im Interesse des Sports” auf eine Berufung. Der FiaWeltrat soll sich jedoch noch einmal eingehender mit dem Fall beschäftigen. Bis dahin wird Alonso auf jeden Fall als Gewinner des Rennens geführt. Der wahre Sieger steht aber eigentlich schon fest: Felipe Massa. Der Brasilianer hatte sich dem Teamwillen beugen und seinen Stallgefährten vorbei lassen müssen. Alonso sollte dadurch sieben Zähler mehr bekommen und die Distanz zum WM-Spitzenreiter Lewis Hamilton verringern, der als Vierter ankam.

Massa war am Start an Alonso und Vettel vorbeigezogen. Der Deutsche war von der Poleposition in sein Heimrennen auf dem Hockenheim ring gestartet und hatte sich berechtigte Hoffnungen auf den Sieg gemacht. Doch wie zuletzt in Silverstone blieb Vettel am Start förmlich stehen. „Die ersten fünf bis zehn Meter kam ich überhaupt nicht weg“, sagte er. „Die Drehzahl ist in den Keller gefallen. Ich hatte Glück, dass der Motor nicht abgestorben ist.“ Immerhin gelang es Vettel diesmal, unfallfrei durch die erste Kurve zu kommen, wenn auch nur als Dritter. Da blieb er bis zum Ende des Rennens. „Ich bin vielleicht nicht ganz glücklich damit, aber das war heute das Maximum“, sagte er.

Vettel musste machtlos hinter den beiden Ferraris zusehen, wie die beiden Rivalen sich zunächst ein hartes Duell um den Sieg lieferten. In der 21. Runde war Alonso bei einer Überrundungsaktion in der Spitzkehre fast schon vorbei an seinem Stallgefährten, doch Massa wehrte den Angriff noch rigoros ab. Ein glanzvolles Comeback kündigte sich an.

Vor auf den Tag genau einem Jahr war er in Budapest schwer verunglückt und musste den Rest der Saison aussetzen. Am Sonntag sah es nun so aus, als würde Massa erstmals seit seiner Rückkehr einen Grand Prix gewinnen – bis zur 49. Runde. Ein paar Boxenfunksprüche hatten in der Zwischenzeit bei Ferrari die Runde gemacht. In einem hatte Alonso Massas Gegenwehr aus der 21. Runde schreiend als „lächerlich“ gescholten. In einem anderen teilte Massas Renningenieur Rob Smedley seinem Fahrer mit, dass Alonso „schneller“ sei. „Kannst du bestätigen, dass du diese Nachricht verstanden hast?“ Teamchef Domenicali erläuterte: „Wir haben Felipe diese Information gegeben. Wir überließen es den Fahrern, das zu verstehen und sicherzustellen, dass das für das Team beste Ergebnis herauskommt.“ Massa hatte verstanden.

Nun ist es zunächst verständlich, dass Ferrari seinen in der WM besser postierten Fahrer nach vorn beordern wollte. Doch die Stallregie ist eben seit Ferraris übertriebenen Strategiespielchen des damaligen Teamchefs (und pikanterweise heutigen Fia-Präsidenten) Jean Todt mit seinen Fahrern Michael Schumacher und Rubens Barrichello 2002 offiziell verboten. Andere Rennställe wählen deshalb Boxenstopps oder Fahrfehler eines Piloten als elegantes Mittel, diese Regel zu umgehen. Am Sonntag aber war da kein Rutscher, da war auch kein verpatzter Reifenwechsel – Massa wurde einfach mitten auf der Geraden nach der Spitzkehre deutlich langsamer, so dass sein Stallgefährte bequem vorbeiziehen konnte. Die Offensichtlichkeit des Manövers war vermutlich eine Art zaghafter Protest des Benachteiligten gegen die Stallorder.

Hinterher versuchten sich die Männer in den roten Overalls zunächst im Schauspiel-Geschäft. „Ich weiß nicht, was passiert ist“, sagte Alonso scheinheilig. „Ich habe gesehen, dass Felipe ein bisschen langsamer war, also habe ich die Chance genutzt.“ Später mussten sie aber zugeben, dass Massa Alonso kampflos vorbeigelassen hatte. „Heute habe ich gezeigt, wie professionell ich bin“, beteuerte Massa. „Man arbeitet für eine Firma und tut, was man tun muss.“ Massa war sogar so professionell, dass er die Schuld ganz auf sich lud, um seine Firma nicht zu gefährden. Die Entscheidung habe er ganz allein gefällt: „Ja, definitiv!“ Warum sich Smedley danach bei ihm mit einem „Sorry!“-Funkspruch entschuldigt habe, konnte er sich auch nicht erklären.

Christian Horner hatte eine Erklärung. „Das war eine klare Teamorder“, ereiferte sich der Teamchef von Red Bull. Er sprach von einer „Schande“ und einem „manipulierten Rennen“. Auch Michael Schumacher machte sich so seine Gedanken über Sinn und Unsinn eines Teamorderverbots in einem Teamsport. Er könne Ferraris Entscheidung nachvollziehen. „Wer ab einem gewissen Zeitpunkt die meisten Zähler hat, wird nun einmal auf die Meisterschaft gesetzt“, sagte er. „Wenn am Ende des Jahres diese Punkte zum Titel fehlen würden, sagt dann jeder: Was für Deppen seid ihr in Hockenheim gewesen!“ Er werde lieber kritisiert und habe die Punkte im Sack.

Schumachers Sack war in Hockenheim nur spärlich gefüllt. Der Mercedes-Pilot und sein Teamkollege Nico Rosberg waren chancenlos und fuhren als silberner Bummelzug auf den Positionen acht und neun ins Ziel. Allerdings ganz anständig und ohne rätselhafte Funksprüche.

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