Sport : Ein Riese hat Spaß

Wladimir Klitschko ist wieder Box-Weltmeister

Hartmut Scherzer[Mannheim]

Wladimir Klitschko sah aus, als käme er vom Golfplatz und nicht aus dem Boxring. Mit einem Lächeln, als habe er ein „hole in one“ gespielt, mit dem ersten Schlag gleich eingelocht. Chris Byrd sah aus wie nach einem Unfall. Seine besorgte Frau Tracy bestand auf einer Kernspintomographie im Krankenhaus. Die Untersuchung blieb ohne Befund. Die Gesichter der beiden Kontrahenten dokumentierten die Einseitigkeit ihres Kampfes um die Boxweltmeisterschaft im Schwergewicht des Verbandes IBF.

Kaum hatte der amerikanische Ringrichter Wayne Kelly nach 41 Sekunden der siebten Runde, nach dem zweiten schweren Niederschlag, vor dem übel zugerichteten, schlaff in den Seilen hängenden Titelverteidiger das Ende signalisiert, wurden 14 000 begeisterte Besucher in der ausverkauften SAP-Arena in Mannheim und 10,1 Millionen Fernsehzuschauer in Deutschland Zeugen einer rührenden Familienszene im Ring. Während die Sekundanten Rose und Joe Byrd ihren verprügelten Sohn tröstend in die Arme schlossen, ging ihr elfjähriger Enkel Justin Byrd mit Tränen in den Augen auf Wladimir Klitschko zu, tippte ihn an den Arm und gratulierte dem sich herunterbeugenden Riesen: „You are a good Champ.“ Du bist ein guter Champion. „Es war sehr hart zuzusehen, wie mein Vater geschlagen wurde“, teilte der Kleine später den Reportern mit. „Aber so ist der Sport“, fügte er altklug hinzu.

Der 30 Jahre alte Wladimir Klitschko war zum zweiten Mal Weltmeister im Schwergewicht geworden, fünfeinhalb Jahre nach seinem ersten Titelgewinn beim Verband WBO durch einen Punktsieg über Chris Byrd. Nach den K.-o.-Niederlagen gegen Corrie Sanders (2003) und Lamon Brewster (2004) hat nun die dritte und möglicherweise wichtigste Phase von Klitschkos Karriere begonnen. „Mein bedeutendster Sieg liegt noch vor mir“, kündigte der gereifte und selbstbewusste neue Champion an. Er will die Titelträger der anderen drei großen Boxverbände, Rahman (WBC), Walujew (WBA) und Liakowitsch (WBO) herausfordern. „Mit Wladimir“, sagte Kerry Davis, der zuständige Vize-Präsident des marktbestimmenden amerikanischen Bezahlsenders HBO, „wird die Vereinigung für uns interessant. Wenn einer, der schon ein gebrochener Mann zu sein schien, so zurückkommt – das imponiert der amerikanischen Öffentlichkeit.“

„Ich habe wieder Riesenspaß am Boxen“, sagte Klitschko. „Ich fühle mich wie ein Fisch im Wasser.“ Der Zwei-Meter-Mann aus der Ukraine bewegte sich geschickt auf den Beinen, ließ den zwölf Zentimeter kleineren Rechtsausleger Byrd einfach nicht über seinen langen, ausgestreckten linken Arm (Jab) an sich herankommen. „Chris war so mit dieser Linken Wladimirs beschäftigt, dass er die Rechte nicht sah“, sagte Klitschkos Trainer Emanuel Steward. Als die rechte Klitschko-Faust in der zweiten Runde erstmals traf, stutzte Byrd noch, nach dem zweiten rechten Volltreffer in der fünften Runde lag Byrd wie ein Maikäfer auf dem Rücken.

Eine Minute lang drosch Klitschko auf den schwer angeschlagenen Weltmeister ein, als der wieder aufgestanden war. „I am okay“, rief Byrd mehrmals dem Ringrichter zu, um einen Abbruch zu verhindern. Nach zwei Links-rechts-Doubletten zu Beginn der siebten Runde sackte Chris Byrd erneut zu Boden. „Er ist zurückgekommen, nachdem alle Welt geglaubt hat, er sei erledigt“, sagte Byrd später, die Blessuren hinter einer Sonnenbrille verbergend. „ Ich bin sicher, Wladimir wird meinen Titel lange behalten.“

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