Sport : Ein russischer Deutscher

Dawidenko hofft auf eine Titelverteidigung beim Hamburger Tennisturnier

Petra Philippsen[Hamburg]
Neuer Sympathieträger. Nikolai Dawidenko hat sich bei seinem Sieg im Vorjahr in Hamburg viele Freunde gemacht und sein Image als Langweiler abgelegt. Foto: dpa
Neuer Sympathieträger. Nikolai Dawidenko hat sich bei seinem Sieg im Vorjahr in Hamburg viele Freunde gemacht und sein Image als...Foto: dpa

Sogar die Plakate der German Open zieren in diesem Jahr sein Konterfei. Nikolai Dawidenko blickt ernst, geradezu verbissen spielt er den Ball, als sei dieser sein größter Feind. So kannte man den Weltranglistensechsten seit Jahren. Er war die kalte „Ballmaschine“, die stoisch alles zurückspielte, was der Gegner anbot, ohne die geringste Emotion zu zeigen. Das wäre für ihn eine Schwäche. Und die will er sich nicht erlauben. Dawidenko arbeitet hart auf dem Platz, und wie er dabei auf das Publikum wirkt, kümmerte ihn lange nicht. Preisgeben mochte der inzwischen 29-Jährige nicht viel von sich. Er blieb wortkarg, fast abweisend, und so wollte schnell auch niemand mehr etwas von ihm wissen. Lange erfuhr niemand, wer dieser Nikolai Dawidenko eigentlich ist.

Nun schaut der Russe selbst auf eins der Plakate und amüsiert sich: „An der Glatze kann man mich gut erkennen.“ Dass er über einen ausgeprägten Humor und Selbstironie verfügt, das hatten die Hamburger Zuschauer erst vor einem Jahr entdeckt, als Dawidenko am Rothenbaum den Titel gewann. Plötzlich hielt er eine lockere Rede auf dem Center Court in gut verständlichem Deutsch. Mit seinem älteren Bruder Eduard war Dawidenko im Alter von 15 Jahren nach Deutschland gezogen. Es wurde ihre Heimat. „Ich bin russischer Deutscher“, sagt Dawidenko heute. Er fühle sich hier gar mehr zu Hause als in Moskau. Die deutsche Mentalität hatte ihn erst verunsichert, doch dann eignete er sich Pünktlichkeit und Disziplin an. Und die machte ihn zu einem der zehn besten Spieler der Welt.

Die neue Offenheit brachte Dawidenko nicht nur bei Zuschauern und Medien Sympathiepunkte ein, sie brachte auch sein Spiel auf ein höheres Niveau. Stets hatte Dawidenko bei den Höhepunkten gut abgeschnitten, nur zum Titel reichte es nie. Im November trat er dann als Außenseiter beim Tour-Finale an und düpierte die versammelte Elite. Als neuen Weltmeister fürchteten ihn nun auch die Topstars Roger Federer und Rafael Nadal.

„Die hatten wirklich Angst vor mir“, sagt Nikolai Dawidenko mit verschmitztem Grinsen, „das war toll für mein Selbstvertrauen. Ich dachte: Wow, so gut spiele ich?“ Das große Selbstvertrauen ist inzwischen aber dahin. Im Frühjahr brach er sich das linke Handgelenk, konnte erst zur Rasensaison in Halle wieder einsteigen. „Ich bin wieder bei null. Es wird sehr schwer, hier meinen Titel zu verteidigen“, sagt Dawidenko. Nach dem frühen Aus in Stuttgart hat er sich seit Freitag akribisch in der Hansestadt vorbereitet, um den körperlichen Rückstand aufzuholen. Ob es gereicht hat, wird sich heute zeigen, wenn Dawidenko gegen den Franzosen Florent Serra ins Turnier eingreift.

Das Feld am Rothenbaum ist als abgewertetes Event zwar ähnlich besetzt wie die Vorwoche am Weissenhof, doch musste Turnierdirektor Michael Stich bereits die schmerzlichen Absagen der Topspieler Gael Monfils und David Ferrer hinnehmen. Umso mehr hofft Stich auf Erfolge der Deutschen, von denen elf im Hauptfeld stehen. Wie schon bei seinem Debüt im Vorjahr muss Stich um das Fortbestehen des Turniers kämpfen. Zumindest das Wetterspielt in diesem Jahr mit.

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