Sport : Ein Sack voller Spritzen und Tabletten

Die italienische Polizei wurde bei ihrer nächtlichen Razzia im österreichischen Olympia-Quartier fündig

Benedikt Voigt[Sestriere]

Irgendwann ist bei der nächtlichen Razzia der italienischen Polizei im Quartier der österreichischen Biathleten und Langläufer ein Sack aus dem Fenster geflogen. Was dieser Sack enthielt, hat der italienische Staatsanwaltschaft jetzt verraten: 100 Spritzen, 30 Schachteln Asthmamittel und Antidepressiva sowie Apparate für Bluttests und Bluttransfusionen. Damit haben auch die Olympischen Winterspiele von Turin ihren Dopingskandal. Die österreichischen Biathleten Wolfgang Perner und Wolfgang Rottmann sind in der Nacht zum Sonntag überstürzt aus San Sicario abgereist. Der Österreichische Skiverband (ÖSV) hat sie daraufhin ausgeschlossen. „Fakt ist, dass einer der beiden Burschen den Sack aus dem Fenster geworfen hat“, sagte Biathlon-Cheftrainer Alfred Eder. Das ORF zitierte den geflüchteten Perner mit den Worten: „Nach dem Fund der Spritzen brauche ich im Biathlon nicht mehr anzutreten, ich habe Angst.“ In Italien drohen Dopingsündern aufgrund strenger Gesetze sechs Jahre Haft.

In Österreich angekommen, wollte sich Perner zu Dopingvorwürfen nicht äußern. Er bestritt, den Sack aus dem Fenster geworfen zu haben. Dann beklagte er die Methoden der Untersuchung. „Ich musste mich zwei Mal völlig nackt ausziehen“, sagte Perner. Ein Carabiniere habe in der Tür gestanden, ein Ermittler in Zivil habe das Zimmer auf den Kopf gestellt. Danach habe der Olympia-Dritte von 2002 einen Bericht unterschreiben sollen. „Ich habe mich geweigert, weil ich kein Italienisch verstehe, da sind sie richtig rabiat geworden“, sagte Perner.

Die Weltöffentlichkeit beschäftigen jedoch eher die Ergebnisse der Razzia. Vor allem die gefundenen Bluttransfusionsgeräte machen Roland Augustin stutzig. „Da wird man hellhörig“, sagte der Chef der Nationalen Antidoping-Agentur (Nada). Der Fund bestätigt Gerüchte, wonach in den Ausdauersportarten wieder ältere Blutdoping-Methoden zur Anwendung kommen, weil das neuere Dopingmittel Erythropoetin (Epo) inzwischen im Urin besser nachweisbar ist. Die Antidepressiva könnten als psychische Stimulans dienen. „Sie stehen meist nicht auf der Dopingliste“, sagte Augustin.

Nach der Razzia hatte auch der österreichische Langlauftrainer Walter Mayer Italien fluchtartig verlassen. Am Sonntagabend in Kärnten versuchte er sich offenbar alkoholisiert einer Polizeikontrolle zu entziehen, nun ermitteln österreichische Behörden wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und schwerer Körperverletzung. Der ÖSV hat den Trainer danach ebenfalls ausgeschlossen. „Das ist unentschuldbar“, sagte ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel. „Wer so etwas tut, kann kein Vorbild mehr sein.“ Doch ein Vorbild ist Mayer schon länger nicht mehr.

Mayers Anwesenheit bei den Winterspielen hatte die Razzia ausgelöst. Die italienische Staatsanwaltschaft hatte vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) erfahren, dass Mayer Kontakt zum österreichischen Team hat. Der Trainer steht seit der so genannten Blutbeutel-Affäre von Salt Lake City unter Dopingverdacht (siehe Kasten). Mayer ist vom IOC bis zu den Winterspielen 2010 ausgeschlossen. Trotzdem reiste er als Privatperson nach Italien und übernachtete mindestens einmal beim Olympiateam. Seine Anwesenheit in Turin und der damit verbundene Verdacht auf Dopingpraktiken alarmierte sowohl ItaliensPolizei als auch das IOC. Das IOC veranlasste zeitgleich zur Razzia bei sechs Langläufern und vier Biathleten Dopingtests, deren Ergebnisse in spätestens zwei Tagen bekannt gegeben werden. „Das IOC ist nur für die Dopingtests verantwortlich“, sagte IOC-Sprecherin Giselle Davies. Eine Postkarte mit dem Mannschaftsfoto der österreichischen Olympia-Biathlonmannschaft, auf dem auch Mayer zu sehen ist, hatte das IOC schon zuvor verärgert. „Das war eine Provokation, das hat die unangemeldeten Tests hervorgerufen“, sagte Davies.

Der österreichische Skiverband überlegt nun, Mayer zu verklagen. Auch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel versprach bei einem Treffen mit IOC-Chef Jacques Rogge schnelle Aufklärung. Doch es gibt auch Stimmen, die Mayer in Schutz nehmen. Österreichs Skistar Hermann Maier sagte nach dem Gewinn der Bronzemedaille im Riesenslalom: „Eine solche Hetzjagd muss man als Mensch erst einmal aushalten, er wird ja verfolgt wie Osama bin Laden.“ Am Nachmittag ist Walter Mayers aktueller Aufenthaltsort bekannt geworden. Er ließ sich gestern im Landeskrankenhaus Klagenfurt behandeln – im Zentrum für seelische Gesundheit.

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