Sport : Ein sanfter Druckanstieg

Vor den Olympischen Spielen in Peking verschärft IOC-Präsident Jacques Rogge den Ton und gesteht erstmals eine Krise ein

Benedikt Voigt[Peking]

Die Pressekonferenz im China World Hotel dauerte bereits eine halbe Stunde, als einem Journalisten auffiel, wie eingeschränkt die Themenwahl doch war. Niemand hatte etwas zu Olympiabauten gefragt, niemand wollte etwas über die Organisation der Olympischen Spiele wissen, niemand interessierte sich für Sport. Dabei saß auf dem Podium der höchste Herr des Sports: Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Diesen machte das alles wehmütig. „Als Athlet oder als Chef de Mission des belgischen Verbandes musste ich mich nur mit Sport beschäftigen – das war die goldene Zeit“, sagte er. Heute finde er diese alte Magie nur noch im olympischen Dorf wieder. „Das ist ein Hort des Friedens.“

Dies aber sind nicht die Tage des Friedens. Der von heftigen Protesten begleitete Fackellauf und die weltpolitische Auseinandersetzung über den Umgang mit Olympia in China haben die olympische Bewegung stark beschädigt. „Das ist eine Krise, keine Frage“, gestand Rogge erstmals ein, „aber das IOC hat schon stärkere Stürme überstanden.“ Die größte Krise sei die Geiselnahme in München 1972 gewesen, die 17 Menschen das Leben kostete. Auch die Boykotte von 1976, 1980 und 1984 seien schwieriger gewesen. „Das hier ist eine Herausforderung, aber man kann es nicht damit vergleichen, was wir in der Vergangenheit hatten.“

Doch die aktuelle Herausforderung wird immer schwieriger. Der Fackellauf hat noch 15 internationale Stationen vor sich, die von weiteren Protesten begleitet werden dürften. Das europäische Parlament forderte gestern in einer nicht bindenden Resolution die Staats- und Regierungschefs auf, die Eröffnungsfeier zu boykottieren, wenn China nicht Gespräche mit dem Dalai Lama aufnimmt. Der internationale Druck nimmt zu. Anfangs hatte Rogge darauf beharrt, nur für den Sport zuständig zu sein. Gestern drückte er dann in einer Erklärung die ernsthaften Sorgen des IOC bezüglich der Situation in Tibet aus und seine „Hoffnung auf eine schnelle und friedliche Lösung dieser Krise“. Auch in der Menschenrechtsfrage und Pressefreiheit verstärkte er vorsichtig den Druck auf China.

Es gäbe zwar keinen schriftlichen Vertrag, in dem China eine Verbesserung der Menschenrechte zugesichert habe. Repräsentanten Chinas hätten bei der Bewerbung aber erklärt, dass eine Vergabe der Spiele an China die Menschenrechte fördern würde, sagte Rogge. „Das ist etwas, was ich eine moralische Verpflichtung nennen würde. Und ich werde China definitiv auffordern, diese moralische Verpflichtung zu respektieren.“ Es seien zwar Verbesserungen eingetreten. So dürfen sich ausländische Journalisten frei in China bewegen. Doch seit der Gewalt in Lhasa am 14. März ist es ihnen verboten, nach Tibet und in die umliegenden Provinzen zu reisen. „Wir wissen, dass das Mediengesetz noch nicht ganz umgesetzt wird, und ich habe darauf bestanden, dass das so bald wie möglich geschehe“, sagte Rogge. Am Mittwoch hatte er eine Unterredung mit dem chinesischen Premierminister Wen Jiabao. Darüber wollte er gestern nichts Näheres berichten.

Im chinesischen Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten kamen seine Worte nicht gut an. Sprecherin Jiang Yu sagte, dass das Wort „Krise“ übertrieben sein dürfte. China werde sich nicht auf eine Diskussion über seine Bilanz der Menschenrechte einlassen. Dann griff sie sogar Rogge an. „Ich denke, IOC-Offizielle sollten die Pekinger Olympischen Spiele unterstützen und die Einhaltung der Olympischen Charta, wonach unrelevante politische Faktoren nicht eingebracht werden sollten“, sagte Jiang Yu. „Ich hoffe, dass die IOC-Offiziellen weiter die Regeln der Olympischen Charta einhalten.“ Damit hat sie versucht, das IOC über dessen eigene Regeln aufzuklären. Der Ton wird schärfer. Wieder kein friedvoller Tag für Jacques Rogge.

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