Sport : Ein Schlag fürs Image

Amerikas Medien sind nach Klitschkos überraschender Niederlage genauso enttäuscht wie die deutschen Boxfans

Matthias B. Krause,Hartmut Scherzer

Von Matthias B. Krause

und Hartmut Scherzer

New York/Frankfurt. Wladimir Klitschko hatte sich noch nicht ganz aus dem Hannoverschen Ringstaub erhoben, da wurden jenseits des Atlantiks bereits die Abgesänge auf ihn verfasst. „So viel zu dem Thema, er sei der nächste große Hit im Schwergewichtsboxen“, schrieb etwa Box-Kolumnist Dan Rafael in der „USA Today“. Corrie Sanders’ harte Linke an Klitschkos Kopf hätte „Schockwellen durch die gesamte Branche“ geschickt. Auf jeden Fall haben sie eine Menge Pläne in Sekundenschnelle über den Haufen geworfen.

Auch in England sorgte die K.-o.-Niederlage des 26-jährigen Ukrainers für Bedauern und Häme. „Klitschkos Ruf in Stücke gerissen“, schrieb die in London erscheinende „Times“. Und in der Tageszeitung „The Independent“ stand: „Der Traum eines Kampfes zwischen Lennox Lewis und Wladimir Klitschko wurde zur Fantasie, als ein unbekannter Kämpfer namens Corrie Sanders das Drehbuch ruinierte.“

Der US-Kabelsender HBO hatte den Auftritt des jüngeren der Klitschko-Brüder, den er zeitversetzt übertrug, mit einigem Werbeaufwand angepriesen. Als erster von neun vereinbarten Kämpfen sollte er den Ukrainer in den Staaten zu einem Markennamen machen, der die Amerikaner vor die TV-Schirme lockt. In dieser Kalkulation ist die sportliche Qualität zwar nur ein Faktor von vielen, aber ohne Erfolg im Ring geht gar nichts.

Entsprechend klagte HBO-Vizepräsident Kery Davis nach der überraschenden Niederlage: „Die ist für den gesamten Sport enttäuschend. Obwohl er kein Amerikaner ist, hat Wladimir so eine charismatische Persönlichkeit und so eine wunderbare Geschichte, dass man sich seinen Erfolg wünscht.“ Und für die Geldbörsen aller Beteiligten wäre das schließlich auch nicht schlecht.

HBO jedenfalls sucht dringend attraktive Paarungen im Schwergewicht. Wer könnte Lennox Lewis die WM-Gürtel streitig machen? Wer ist verrückt genug, gegen den unberechenbaren Mike Tyson in den Ring zu steigen? Wie lässt sich der ins Schwergewicht aufgestiegene Roy Jones jr. vermarkten? Für einen Obolus von 55 Dollar im Monat muss der Sender seinen Kunden schließlich etwas bieten. Und ganz große Kämpfe kosten sogar extra. Wladimir Klitschko wird in dieser Kalkulation bis auf weiteres keine Rolle mehr spielen.

„Es war uns schon klar, dass man nicht sicher sagen konnte, ob er der beste Schwergewichtler hinter Lennox Lewis ist“, sagt Davis, „aber wir hatten alle große Hoffnungen in ihn gesetzt“. Der Aufmerksamkeitsbonus, der den beiden Brüdern Witali und Wladimir unter anderem durch eine große Story in „Sports Illustrated“ („Die Brüder, die blaue Flecken austeilen“) zuteil geworden war, ist aufgebraucht. Demnächst wird Klitschko sich mit einem Plätzchen im Vorprogramm begnügen müssen.

Vierzig Stunden nach dem Debakel stand für Klitschko ein PR-Termin auf der Agenda. In Berlin wiederholte er die Forderung nach einem direkten Rückkampf. „Es besteht lediglich ein gentleman agreement“, sagte Rodney Berman, der Promoter des Sensationssiegers aus Südafrika.

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