Sport : „Ein Schrittmacher braucht Gefühl“

Peter Bäuerlein über die Harmonie von Maschine und Rad bei den Sixdays.

Peter Bäuerlein, 51, aus Nürnberg ist seit 1982 als Schrittmacher bei Steher- und Dernyrennen im Einsatz. Neben diversen deutschen Meisterschaften zählen die Europameistertitel im Steherwettbewerb 2007 und 2008 zu seinen größten Erfolgen. Beide Titel gewann er mit dem Fahrer Timo Scholz. Foto: p-a/Augenklick
Peter Bäuerlein, 51, aus Nürnberg ist seit 1982 als Schrittmacher bei Steher- und Dernyrennen im Einsatz. Neben diversen deutschen...Foto: picture-alliance / Augenklick/Ro

Herr Bäuerlein, Sie fahren beim Sechstagerennen den Radfahrern auf einer Art Motorrad voraus und geben das Tempo vor. Wie wird man Schrittmacher beim Radrennen?

Da gibt es unterschiedliche Wege. Bei mir war es Liebe auf den ersten Blick. Mein Vater stammte aus Berlin, zweimal im Jahr sind wir hierher zurückgekommen: einmal zum Geburtstag meiner Oma und einmal zum Sechstagerennen. Die Schrittmacher auf ihren Maschinen haben mich schon als kleiner Junge fasziniert. Ich habe die gesehen und gesagt: Das will ich auch machen!

Wie ging es weiter?

Bei uns in Nürnberg gab es eine Radrennbahn, da standen auch Stehermaschinen. Das sind die größeren Gefährte, die aussehen wie Motorräder. Die durfte man damals aber erst ab einem Alter von 21 Jahren fahren. Nach meinem Geburtstag bin ich sofort zur Bahn und habe gefragt, ob ich das auch probieren könnte.

Mit 21 waren Sie recht jung, der Altersdurchschnitt der Schrittmacher beim Berliner Sechstagerennen ist deutlich höher.

Ich bin ja auch nicht sofort Rennen gefahren, sondern ich musste erst einmal viel trainieren. Schrittmacher wird man schließlich nicht über Nacht. Da gehört eine Menge Übung dazu. Wirklich gut ist man erst nach zehn, fünfzehn Jahren.

Worauf kommt es an?

Sehr wichtig ist, dass man seine Maschine beherrscht und nicht die Maschine den Fahrer beherrscht. Viele jüngere Fahrer überschätzen sich schnell, werden nachlässig oder unterschätzen das Risiko. Das ist sehr gefährlich; man sollte nie den Respekt vor der Bahn und der Maschine verlieren. Auch ein gutes Gefühl für den Fahrer, der sich hinter einem befindet, ist wichtig. Zum Beispiel bei der Frage: Wie viel Tempo kann ich ihm zumuten? All das stellt sich erst mit der Zeit ein.

Sie fahren Derny- und Steherrennen. Wo genau liegt der Unterschied?

Dernys sind kleiner und langsamer, so eine Art Fahrrad mit kleinem Motor. Bei den Stehermaschinen muss man dagegen aufpassen, dass man nicht zu viel Gas gibt. Sonst haben die Fahrer schon bald keine Kraft mehr.

Wie funktioniert die Kommunikation mit den Fahrern?

Man macht vorher Kommandos aus. Will ein Fahrer schneller fahren, ruft er meist „Allez“. Bei weniger Tempo „Oh“.

Verstehen Sie sich denn in der lauten Halle überhaupt?

Meistens schon, aber es kann auch vorkommen, dass man ein Kommando überhört. Oder ausgetrickst wird.

Wie, ausgetrickst?

Da gibt es schon Mittel. Bei Meisterschaftsrennen etwa. Wenn es ganz laut ist, und ein anderer Fahrer setzt zum Überholen an, ruft er mitunter auf gleicher Höhe „Oh“, und ich denke, dass es mein Fahrer war, und gehe vom Gas.

Wie ist es hier beim Sechstagerennen? Beharkt man sich da auch mit allen Mitteln?

Die Atmosphäre hier ist freundschaftlich. Wir kennen uns ja alle schon sehr lange, Schrittmacher und Fahrer gleichermaßen. Alle fühlen sich wie eine große Familie. Aber natürlich will auch jeder gewinnen.

Sie sind auch Koordinator und dafür zuständig, welcher Fahrer mit welchem Schrittmacher fährt. Kann es passieren, dass ein Duo überhaupt nicht harmoniert?

Natürlich. Das ist auch eine Frage der Chemie. Als Schrittmacher muss ich ein Gefühl dafür entwickeln, was ich dem Fahrer zumuten kann. An erster Stelle steht, so ökonomisch wie möglich zu fahren.

Was muss man sich darunter vorstellen?

Ich darf den Fahrer nicht verheizen. Wenn ich viermal attackiere und es nur einmal davon schaffe, uns an die Spitze zu bringen, ist das nicht gut. Solche Aktionen müssen gut überlegt sein, der Zeitpunkt muss stimmen. Kein Fahrer hat unendliche Kraftreserven. Und glauben Sie mir: Da hinten auf dem Rad zu sitzen, kann ganz schön weh tun!

Waren Sie selbst denn auch einmal als Fahrer auf der Bahn?

Ja, aber das ist schon lange her. Und ich war auch nicht gut. Vorne, auf meinem Gefährt, fühle ich mich wohler.

Das Gespräch führte Sebastian Stier.

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