Sport : Ein Schulmeister im Tor

Claus Vetter

Kommt ein Buchhalter zum Arbeitsamt, weil er einen Berufswechsel zum Löwenbändiger anstrebt? In einem Sketch der Comedy-Truppe Monty Phython ist das komisch. Die Buchhaltung genießt nun mal nicht den Ruf einer besonders aufregenden Beschäftigung. "Ein dummes Vorurteil", sagt der gelernte Buchhalter Richard Shulmistra. Der Kanadier übt noch einen zweiten Beruf aus, der vielleicht nicht so extrem wie der des Buchhalters mit dem des Löwenbändigers kontrastiert, aber mitunter auch nicht niedrigen Blutdruck garantiert: Shulmistra ist Eishockey-Torwart.

Der Stil des 30-Jährigen ist unspektakulär. Für Showeinlagen ist der Mann im Tor der Berliner Eisbären nicht zu haben, dafür aber für Spiele ohne Gegentore. Schon viermal gelang dem Kanadier in dieser Saison ein Shut-out, beinahe wäre er drei Spiele in Folge ohne Gegentreffer geblieben. Ein Tor der Frankfurt Lions verhinderte am Freitag einen neuen Rekord in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Shulmistra hat sich darüber nicht geärgert, auch nicht darüber, dass er am Sonntag beim 3:4 in Mannheim mit einem Fehler den Adlern den Weg zum Siegestor ebnete. "Mir ist egal, wie viele Shut-outs ich habe, und meine Fehler habe ich nach dem Spiel wieder vergessen", sagt der Kanadier. "Mich interessiert nur, wie wir am Ende der Saison dastehen."

Im Sommer ist der deutschstämmige Shulmistra - seine Großeltern hießen noch "Schulmeister" - nach Berlin gekommen. "Ich hatte mir schon vor Jahren vorgenommen, dass ich es mit 30 in Deutschland versuchen will. Hier ist das Leben für einen Nordamerikaner einfach, eben weil es dem bei uns zu Hause sehr ähnelt." Sein Domizil hat der Kanadier seit 1990 in den USA. Richtig heimisch wurde er in seiner Laufbahn, in der er nur auf zwei Spiele in der National Hockey-League (NHL) kam, aber nie: Bei zwölf Klubs hat er gespielt, zuletzt war Shulmistra bei den Chicago Wolves aus der International Hockey-League (IHL).

Mit Chicago schaffte es Shulmistra bis ins Finale der IHL, wo es aber nur zu Platz zwei reichte. Dennoch eine gute Referenz, die ihm bei seinen ersten Auftritten für die Eisbären wenig half. Wie oft musste sich Trainer Uli Egen anhören, Shulmistra lasse die Schüsse nicht zur Seite, sondern in die Mitte abprallen? "Das habe ich nicht gezählt", sagt Egen. "Dafür weiß ich, dass ich genauso oft geantwortet habe, dass der Torhüter den ersten Schuss halten muss und die Verteidiger den Nachschuss verhindern müssen."

Die Aufräumarbeiten vor dem Tor funktionieren beim EHC inzwischen ganz gut, auch Shulmistra kommt immer besser in Schwung. "Der Richard hat mit jedem Tag mehr Freude an seinem Job, der ist wahnsinnig heiß", hat Egen beobachtet. Und aufgeweckt ist der Kanadier inzwischen auch. Gerade erst hat er entdeckt, dass in der DEL der Kampf um die breitesten Beinschoner und größten Fanghandschuhe in vollem Gange ist: "Hier scheint mehr erlaubt zu sein als bei uns." Das stimmt nicht, nur schert sich keiner drum. Als Peter John Lee, Manager der Eisbären, kürzlich vor einem Spiel die Ausrüstung eines gegnerischen Torhüters beanstandete, wollte der Schiedsrichter nicht das Maßband hervorkramen. "Der hat mir gesagt, dass er für so einen Quatsch keine Zeit hat", erzählt Lee.

Das hat der Manager seinem Torhüter erzählt, der hat prompt eine neue Ausrüstung geordert. Bis die eintrifft, ist es noch ein Weilchen hin. Heute muss Shulmistra ein vergleichsweise kleiner Fanghandschuh reichen, um die Angreifer des Gegners zu bändigen. Zwar handelt es sich dabei in diesem Falle nicht um Löwen, immerhin aber um Panther und zwar um schwäbische: Um 19.30 Uhr empfangen die Eisbären im Sportforum Hohenschönhausen die Augsburger Panther.

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