Sport : Ein Schuss Tränen

Schützin Sonja Pfeilschifter und die favorisierte Chinesin Du Li scheitern am Leistungsdruck

Benedikt Voigt[Peking]

Du Li hat gewusst, was am Morgen des 9. August auf sie zukommen würde. „Millionen Menschen werden meinen Schießwettbewerb am Fernseher miterleben“, hat die 26 Jahre alte 10-Meter-Luftgewehr-Schützin gesagt, „so eine Gelegenheit bekommt man nur einmal im Leben.“ Sie hat sie nicht genutzt. Um kurz nach elf Uhr Ortszeit eilte Du Li nicht mit der ersten chinesischen Goldmedaille der Spiele von Peking aus der Schießhalle. Sondern mit Tränen.

„Im Finale war ich nicht auf den Druck vorbereitet, der bei so einem Heimwettkampf auf mir lastet“, sagte die Olympiasiegerin von 2004. Schon nach dem ersten Finalschuss musste Du Li fast alle Hoffnungen auf eine erneute Goldmedaille aufgeben. Mit 9,8 erzielte sie die schlechteste Leistung aller Finalistinnen. Ein Stöhnen ging durchs Publikum. Neun Schüsse später belegte sie Platz fünf.

Die Ehre, erste Olympiasiegerin des Jahres 2008 zu sein, gebührte Katerina Emmons. Die Tschechin siegte mit neuem olympischen Rekord (503,5 Punkte) vor der Russin Ljubow Galkina (502,1 Punkte) und der Kroatin Snjezana Pejcic (500,9 Punkte). Sonja Pfeilschifter aus Ismaning hingegen konnte den Erwartungen nicht standhalten. Die Deutsche startete als Favoritin, schaffte es aber als Zwölfte der Qualifikation nicht einmal ins Finale. Wutentbrannt stopfte Pfeilschifter mit Tränen in den Augen ihre Schießbekleidung in die Tasche. „Jetzt muss ich auf dem Radl Dampf ablassen“, sagte sie.

Während die Siegerin ihrem Ehemann um den Hals fiel, packte auch Du Li traurig ihre Sachen. Katerina Emmons fühlte mit ihr. „Sie tut mir leid, die chinesischen Medien haben vielleicht zu viel Druck gemacht“, sagt sie. Schießsport ist in China ungewöhnlich populär, seit 1984 Xu Haifeng die erste Goldmedaille bei Olympischen Spielen für China gewonnen hatte. Immer wieder wiederholt das Staatsfernsehen CCTV seinen letzten Schuss von Los Angeles. Seit ihrem Olympiasieg hat Du Li eine ungewöhnliche Prominenz erlangt. Die Webseite „Women of China“ meldet stolz: „Sie schießt 100 Schuss pro Tag.“ Die „South China Morning Post“ nennt sie die „Maria Scharapowa des Schießens“. Du Li aus der Provinz Shandong habe deren funkelnde Augen und eiskaltes Auftreten. Doch von Letzterem konnte gestern nicht die Rede sein. Von ihren Gefühlen übermannt, verließ sie nahezu kommentarlos die Halle.

Trainer Wang Yifu hatte es schon geahnt. „Zu Hause anzutreten mag in anderen Sportarten ein Vorteil sein“, hatte er vor den Spielen gesagt, „aber im Schießen nennen wir das den Fluch des Gastgebers.“ Der Trainer will jedenfalls aus Du Lis Niederlage gelernt haben. „Das hat den Druck weggenommen und gezeigt, wie wir uns besser vorbereiten können, um bessere Ergebnisse für unser Land zu erzielen“, sagte er. Und tatsächlich, knapp vier Stunden später gewann Wang Yifu mit der Luftpistole Gold.

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