Ein Schweizer in Berlin : Lucien Favre: Vom Fachmann zum Buhmann

Er kam als Unbekannter, hatte eine Idee und durchaus auch Erfolg - doch nun muss er gehen: Wie Lucien Favre bei Hertha in Rekordzeit seinen Ruf verspielt hat.

Vom Stefan Hermanns

Sechs Wochen sind im Fußball manchmal mehr als eine Ewigkeit. In sechs Wochen kann aus Weiß Schwarz werden und aus Gut Böse. Vor sechs Wochen saß Werner Gegenbauer recht entspannt beim Interview, das Gespräch drehte sich um Lucien Favre, den Trainer von Hertha BSC, um die Verlängerung seines Vertrages, eine mögliche Ausstiegsklausel und sonstige Absprachen der Vertragspartner. Gegenbauer, der Präsident des Berliner Fußball-Bundesligisten, berichtete, man habe natürlich auch die Möglichkeit durchgespielt, dass ein größerer Verein, zum Beispiel die Bayern, sein Interesse an Favre entdecken könnte. Für einen solchen Fall habe Hertha dem Schweizer Verhandlungsbereitschaft signalisiert. Seit gestern ist eine derartige Konstellation hinfällig. Lucien Favre, der einstige Wundermann, dessen Vertrag Hertha vorzeitig von 2011 bis 2013 verlängern wollte, ist seit gestern nur noch Ex- Trainer. Zum ersten Mal ist der 51-Jährige als Trainer entlassen worden.

Favre war mit dem FC Zürich gerade zum zweiten Mal Schweizer Meister geworden, als er 2007 nach Berlin kam. Trotzdem war er in Deutschland ein nahezu Unbekannter. „Wir erwarten keine Wunder“, sagte Manager Dieter Hoeneß. Als genau das aber, als ein Wunder, haben die Berliner das empfunden, was sich in der vorigen Saison zugetragen hat. Nachdem Favre in seinem ersten Jahr mit Hertha Zehnter geworden war, spielte die Mannschaft bis kurz vor Schluss um die Meisterschaft mit, es schien sich zu bewahrheiten, was Hoeneß zur Einführung des Schweizers zwei Jahre zuvor gesagt hatte: „Favre wird aus dem vorhandenen Potenzial das Optimale machen.“

Den Namen nach musste Hertha in der Tat nicht zwingend oben mitspielen, Favre aber hatte eine Idee für seine Mannschaft. Herthas Fußball war nicht immer spektakulär, dafür stets durchdacht und klug organisiert. 14 Mal siegten die Berliner in der vorigen Saison mit einem Tor Unterschied. Zufall war das nicht.

Dank seiner Erfolge wurde Favre Herthas neuer starker Mann. Hoeneß musste auch deshalb im Sommer gehen, weil Favre nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wollte. Wie entschlossen er war, hat der nach außen so charmante Schweizer im Mai gezeigt. Obwohl er von allen Seiten bedrängt wurde, Arne Friedrich zum Saisonabschluss spielen zu lassen, setzte Favre seinen Kapitän auf die Bank. Hertha verlor 0:4 beim Absteiger Karlsruhe und verspielte damit die Qualifikation für die Champions League. Es war der erste Kratzer an Favres Bild als strahlender Sieger.

Dank einer irrlichternden Transferpolitik sind weitere hinzugekommen. Der Verlust der Führungsspieler Simunic, Woronin und Pantelic wurde nicht im Ansatz kompensiert. Von den Zugängen dieses Sommers konnte bisher keiner überzeugen – und das liegt nicht nur an den schwierigen finanziellen Bedingungen, die Hoeneß hinterlassen hat. Dass Hertha sechs Spieler für die beiden Plätze in der Innenverteidigung unter Vertrag hat, aber keinen einzigen Stürmer, der verlässlich Tore garantiert, ist nicht nur eine Frage des Geldes. 

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