Sport : Ein Sieg als Niederlage

Der DOSB hat seine Haltung zum Doping durchgesetzt – Verlierer ist der Sport

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Von Helmut Digel Dr. Thomas Bach ist ein Mann des Erfolges. Er war ein erfolgreicher Fechter, erfolgreich hat er auch seine Karriere als olympischer Funktionär gesteuert. Erfolgreich leitet er eine Anwaltskanzlei, und sein neues Amt als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes ist er nicht weniger strategisch angegangen; so kann er nun in diesem Amt ebenfalls Erfolge melden. Er hat es geschafft, dass darauf verzichtet wird, Athleten für ihren groß angelegten Betrug im Sport, für ihren Raubzug gegen das Kulturgut Sport strafrechtlich zu verfolgen.

Seine Rechtsabteilung wurde darauf ausgerichtet, wichtige Verbände haben ihm seine Mehrheiten gesichert und eine Verbandspräsidentin hat sich überraschend juristisch neu positioniert. Die Repräsentanten der Athletenschaft wurden auf den Kurs eingeschworen. Ohnehin kann man nicht erkennen, ob Athletensprecher aus sich selbst heraus bereit sind, die sauberen Athleten zu schützen.

In der Debatte wurden und werden jene begünstigt, die die Position von Dr. Bach stützten. Diejenigen, die eine andere Auffassung vertraten, wurden ausgegrenzt. Dabei störte es nicht, dass sich die Argumente der Fraktionäre von Dr. Bach durch intellektuelle Bescheidenheit auszeichneten, dass Polarisierungen erzeugt wurden und Gefahren heraufbeschworen wurden, die nirgendwo zu erkennen sind.

Der 10-Punkte-Aktionsplan des DOSB ist so gehalten, dass ihm keiner widersprechen kann, und ein Empfehlungspapier, in dem nach öffentlicher Empörung korrigiert wurde, dass ein Anti-Doping-Gesetz ein Standortnachteil sein könnte, wird als juristische Expertise betrachtet, über die nun das Thema endgültig geklärt ist. Wer das Papier liest, wundert sich jedoch über das liederliche Sprachvermögen der Autoren, über eine eigenartige inhaltliche Logik und über die inhaltliche Ausrichtung.

Dennoch: Der DOSB und sein Präsident haben gewonnen. Die Mitgliederversammlung in Weimar hat in Sportmanier mit nahezu hundertprozentiger Mehrheit die Zustimmung gegeben. Der Staat wird die autonomen Sportorganisationen auch zukünftig in dieser Sache respektieren. Ein Sieg also auf ganzer Linie. Erfolgreiche sind auch weiterhin erfolgreich. Siege können jedoch auch Pyrrhussiege sein.

Dass dies wohl gerade auch bei der Suche nach den geeigneten Instrumenten im Kampf gegen den Dopingbetrug eine Gefahr sein kann, wird dann deutlich, wenn man sich die Qualität des Betruges etwas genauer vor Augen halten kann. Dies ist seit wenigen Wochen möglich. Die Staatsanwaltschaft Magdeburg hat nach einer Beschwerde und auf Verlangen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes die Akten aus dem „Springstein-Prozess“ zur Einsicht zur Verfügung gestellt. Diese Dokumente machen eines deutlich: Doping im olympischen Hochleistungssport, betrieben von Athleten, die es sich finanziell leisten können, ist eine der perfidesten und widerlichsten Formen menschlicher Kriminalität. Aus Geldgier bedienen sich Wissenschaftler ihrer Kompetenz, Trainer und Athleten sind bemüht, Training und Wettkampf so zu steuern, dass sie möglichst schnell möglichst hohe Prämien erreichen können. Dabei ist jedes Mittel recht.

Vor allem werden dabei jene Substanzen eingenommen, die sich bis zum heutigen Tage dem durchaus professionell aufgebauten Kontrollsystem des Sports entziehen. Medikamentös kommt dabei alles zur Anwendung, was man sich in seinen schlechtesten Träumen erdenken könnte. Der Fall „Birgit Dressel“ hatte dies schon vor Jahren offenbart. Eine Übermedikamentierung scheint leider Alltag des Hochleistungssports zu sein.

Immer werden aber auch sehr gefährliche Substanzen verabreicht. Es handelt sich auch um nicht zugelassene Medikamente. Man muss sich zwangsläufig fragen, was dann mit dem Körper geschieht. Fügen sich Menschen selbst Schaden zu, ist das nicht strafbar. Deshalb könnte man angesichts der gesundheitlichen Gefahren des Hochleistungssports zur Tagesordnung übergehen.

Doch so einfach ist es nicht. Jeder, der sich mit der Situation von heute zufrieden gibt, aber gleichzeitig weiß, dass dieser Betrug in internationalen Netzwerken stattfindet, dass hier Wirtschaftsverbrechen von einer großen Reichweite stattfinden, der muss sich fragen lassen, was er selbst tut, damit zukünftig die sauberen Athleten von den Betrügern zu unterscheiden sind. Was wird getan, damit endlich anstelle rhetorischer Appelle abschreckende Aktionen durchgesetzt werden, und sich der Dopingbetrug nicht mehr ökonomisch lohnt?

Die Staatsanwaltschaft Magdeburg hat trotz der erschreckenden Qualität der diesem Gericht vorliegenden Akten das Verfahren „Springstein“ beendet. Ganz offensichtlich fehlte dieser Staatsanwaltschaft und diesem Gericht die fachliche Kompetenz, um die Reichweite des Betrugs für das Kulturgut Sport beurteilen zu können. Ganz offensichtlich fehlt es auch an Personal, um die dringend erforderlichen Ermittlungen durchzuführen. Nicht zuletzt deshalb haben viele Gegner eines Anti-Doping-Gesetzes alle diesbezüglichen Bemühungen mit dem Hinweis abgewehrt, dass ohnehin schon zu viele Gesetze existieren, deren Vollzug nicht mehr überwacht werden kann. Ist dies die Situation, in der man sich nach der Mitgliederversammlung des DOSB in Weimar befindet, muss in der Tat von einem Pyrrhussieg gesprochen werden. Ja, Pyrrhus begegnet Hornberg. Nach dem Hornberger Schießen bleibt alles so, wie es ist. Jene, die sich damit zufrieden geben, handeln verantwortungslos gegenüber dem Sport und den ungedopten Athleten, von denen es hoffentlich noch viele gibt. Sie hätten den Schutz des DOSB verdient.

Professor Dr. Helmut Digel ist Direktor des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Tübingen und Vizepräsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes. Heute berät der Sportausschuss des Bundestages den Anti-Doping-Aktionsplan.

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