Sport : Ein Sieg als Segen

Marokkos Volksheld Hicham El Guerrouj beendet eine Leidensgeschichte

Frank Bachner[Athen]

Hicham El Guerrouj kniete noch, als die Kenianer auf ihn zustürmten. Sie fielen ihm um den Hals, drei Mann gleichzeitig, und klopften ihm auf die Schultern und den Rücken. Bernard Lagat war einer der Kenianer, die El Guerrouj an sich drückten. Lagat war Zweiter geworden über 1500 Meter in 3:34,30 Minuten, er hatte auf den letzten Metern noch gegen El Guerrouj verloren, der 3:34,18 Minuten brauchte, aber er hatte in diesem Moment keine Zeit für sich. „Bei diesem Finale spielten sehr viele Emotionen mit“, sagte er später, „wir alle haben doch mit Hicham gelitten.“

Ohne Gefühl für seelische Qualen und ungeheuren Druck kann man diese Szenen direkt nach dem Rennen nicht verstehen. Der Marokkaner El Guerrouj starrte zwei Meter hinter dem Ziel in den Himmel und breitete die Hände aus wie ein Priester, der von oben Segen empfängt. Dann sank er auf den Boden, küsste die Tartanbahn und begann zu heulen. „Ich habe wie ein fünfjähriges Kind geweint“, sagte er. Der Beifall war intensiver als bei allen vorangegangenen Entscheidungen der Leichtathletik im Olympiastadion. Die Zuschauer feierten nicht bloß einen Olympiasieg, sie feierten eine Erlösung.

Hicham El Guerrouj ist endlich Olympiasieger. Er hat sich vom Druck befreit, unter dem er acht Jahre lang gestanden und gelitten hatte. Er hat die Erwartungen eines ganzen Volkes und eines ehrgeizigen Königshauses erfüllt. Für Hicham El Guerrouj ging es am Dienstagabend darum, in Marokko als riesiges Denkmal zu glänzen oder trotz unglaublicher Erfolge mit dem Makel des großen Verlierers behaftet zu sein.

Der hagere Läufer hat zwischen 1996 und August 2004 gerade einmal drei Rennen über 1500 Meter verloren. Zwei davon bei Olympischen Spielen. 1996 fiel er vor der Schlussrunde über das Bein des Algeriers Nourredine Morceli, 2000 wurde er im Schlussspurt von dem Kenianer Noah Ngeny abgehängt.

Die Niederlagen bei Olympia trafen die Marokkaner und ihren König wie Messerstiche. Sie hatten El Guerrouj zum Halbgott aufgebaut. Auf El Guerroujs schmalen Schultern wurde deshalb vor Athen alles abgeladen. Sehnsüchte, Ängste, Erwartungen, Verantwortung für die Seelenlage eines Volkes. Jeder Schritt von ihm wird dokumentiert, jede Äußerung kommentiert. El Guerrouj muss seit Jahren nach großen Rennen in der Mixedzone oder noch auf der Bahn dem König Bericht erstatten. Früher war das Hassan II. Jetzt erwartet Mohamad VI. den Kommentar des ausgepumpten El Guerrouj.

Aber dann drang am 5. Juli aus Rom eine bittere Meldung. El Guerrouj hatte ein Rennen verloren, er war nur Achter geworden. Das war die dritte Niederlage in acht Jahren, und sie hatte die Wirkung eines Rammstoßes. El Guerrouj überlegte, seinen Start bei den Olympischen Spielen abzusagen. Aber dann hätte er in der überhitzten Atmosphäre seines Landes sein Ansehen verloren.

Also lief er in Athen. Bei 1350 Metern zog er seinen langen Sprint an. Aber Lagat blieb an ihm dran, Lagat überholte ihn 50 Meter vor dem Ziel sogar. Die dritte, die finale Katastrophe drohte. „Gott, gib mir die Kraft, dass ich dieses Rennen gewinne“, schoss es El Guerrouj in diesem Moment durch den Kopf. So erzählt er es jedenfalls. „Es ist nicht zu beschreiben, was ich jetzt fühle“, sagte El Guerrouj eine Stunde nach dem Rennen. Neben ihm saß Bernard Legat, der Zweite, und sagte: „Er ist ein toller Athlet. Er hat verdient gewonnen. Jeder wusste doch, dass ihm noch Gold fehlte.“ Und Guerrouj sagte: „Diese Medaille ist genauso ein Geschenk Gottes wie meine Tochter.“ Die Tochter heißt Hiba. El Guerrouj küsste sie, als er auf der Ehrenrunde bei seiner Ehefrau stoppte.

50 Meter weiter drückte ihm jemand ein Handy in die Hand. Hicham El Guerrouj beugte sich nach vorne und hielt sich ein Ohr zu, weil er so besser seinen Gesprächspartner verstand. Aber es sah auch so aus, als verneige er sich. Und dieses Bild passt zur Geschichte. Am Telefon war König Mohamad VI.

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