Sport : Ein Sieg, für den es keine Punkte gibt

In Gladbach träumen sie, was aber stört, ist die Gegenwart

Stefan Hermanns

Mönchengladbach. Am Ende eines Abends voll sprachlicher Aussetzer leistete sich Jürgen Post noch eine letzte Peinlichkeit. Der Aushilfsstadionsprecher vom Bökelberg, im Hauptberuf Kneipier, dröhnte ein krawalliges „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“ über die Lautsprecher. Doch selbst dieser subtilen Aufforderung folgten die Zuschauer eher widerwillig. Borussia Mönchengladbach hatte zwar gerade das Viertelfinale des DFB-Pokals im Elfmeterschießen 4:3 gegen den Zweitligisten MSV Duisburg gewonnen. Das billige Triumphgeheul aber wirkte völlig deplatziert. Eine Art Ermattung lag über dem Stadion.

Vor dem Spiel hatten die Fans in der Nordkurve Wunderkerzen entzündet, als wäre noch Weihnachtszeit und die Welt der Gladbacher weiterhin in bester Ordnung. Vor der Winterpause hatten die Borussen fünf ihrer letzten sechs Spiele gewonnen. Sie gingen mit der Aussicht in den Urlaub, dass sie zum Rückrundenstart der Bundesliga bei ihrem Lieblingsgegner Köln würden antreten dürfen und dass dann der biedere Zweitligist aus Duisburg auf den Bökelberg kommen würde – „wo sowieso die ganze Welt um einen herum denkt, dass man gewinnt“, wie Sportdirektor Christian Hochstätter sagte. „Und dann kommt alles anders.“

Schon in Köln hatten die Borussen am Samstag unerwarteterweise verloren, und gegen Duisburg standen sie ebenfalls kurz davor. „Wir waren ganz dicht dran, das Spiel zu gewinnen“, sagte Norbert Meier, der Trainer des MSV. Am Ende der ersten Halbzeit waren die Duisburger durch El Kasmi in Führung gegangen, der eingewechselte van Hout glich mit seinem ersten Ballkontakt aus, dann aber gerieten die Gladbacher durch ein Eigentor Asanins knapp zehn Minuten vor dem Schlusspfiff erneut in Rückstand.

„Die haben den besseren Fußball gespielt“, sagte Borussias Torhüter Jörg Stiel. Die besseren Chancen hatten die Duisburger auch, doch die Borussen retteten sich in die Verlängerung, weil der ebenfalls eingewechselte Tomislav Maric in seinem ersten Einsatz noch das 2:2 köpfte. „War okay“, sagte Maric. Besser hätte er die allgemeine Stimmung nicht treffen können.

Solch zähe Spiele zeigen den Gladbachern, dass ihre Vorstellungen von einer großen Zukunft inzwischen einen gefährlichen Vorsprung auf die Realität herausgearbeitet haben. Die Vereinsführung träumt vom Europapokal, und nach dem erfolgreichen Jahresabschluss 2003 wollten die Borussen mit dem Abstiegskampf eigentlich nichts mehr zu tun haben. In der nächsten Saison werden die Borussen ein schönes neues Stadion haben; in dieser Saison aber haben sie eben immer noch eine eher biedere Mannschaft, in der zu viele schlechte Fußballer ihr Unwesen treiben. Für die großen Pläne erweist sich die Gegenwart zunehmend als störend. „Wir sind zu lieb“, sagte Trainer Holger Fach. Dazu kam bei ihm das Gefühl, „dass wir Angst hatten, dieses Spiel zu verlieren“. Vollkommen berechtigt, wie sich zeigte.

Das einzige Gladbacher Vereinsmitglied, das sich eine Geste des Triumphs erlaubte, war Duisburgs Trainer Meier: „Wer uns ausschaltet, der wird auch DFB-Pokalsieger“, sagte der frühere Spieler und Trainer der Borussen. Sein ehemaliger Kollege Christian Hochstätter dachte eher an den Abstiegskampf und das nächste Bundesligaspiel gegen den Tabellenführer Werder Bremen: „Wir sollten gucken, dass wir uns schnell wiederherstellen. Das ist wichtiger als alle anderen Perspektiven.“

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