Sport : Ein Sieg für ganz Afrika

Ghana bezwingt enttäuschende Serben durch einen Handelfmeter 1:0. Boateng zeigt dabei ein starkes WM-Debüt

von

Kurz vor Schluss waren die Elefanten müde, sie tröteten jedenfalls nicht mehr so wild und laut und verrückt wie zuvor. Als aber der Serbe Zdravko Kuzmanovic im Strafraum mit der Hand nach dem Ball langte und der Schiedsrichter in seine Pfeife blies, da fand das Konzert der Vuvuzelas doch noch zu einem unverhofften Höhepunkt. Elfmeter für Ghana, sechs Minuten vor dem Abpfiff! Und wer gedacht hatte, dass es nicht noch lauter geht, der wusste es besser, nachdem Asamoah Gyan verwandelt hatte zum 1:0 (0:0)-Sieg im Duell der deutschen Gruppengegner.

Gyan stellte seine Heldentat gleich in den Dienst der panafrikanischen Sache: „Jeder Afrikaner steht hinter uns. Nicht nur Ghana, ganz Afrika ist glücklich!“ Für Kuzmanovic hingegen war es ein Drama, „an dem ich noch lange zu leiden haben werde“. So erzählte es der spät eingewechselte Stuttgarter nach dem Spiel, als er immer noch nicht begreifen konnte, warum er denn einen an sich harmlosen Flankenball mit der Hand am weiteren Flug gehindert hatte: „Ich weiß nicht, wie mir das passiert ist, ich wollte mit dem Kopf ran. Das war eine unglaubliche Dummheit.“ In der Nachspielzeit hätte Gyan beinahe noch ein zweites Tor erzielt, doch der Ball sprang vom Pfosten zurück ins Spiel.

Die Ghanaer hatten vor 40 000 Zuschauern im Loftus Versfeld Stadium nicht überragend gespielt, ja nicht einmal richtig gut. Aber sie waren die bessere Mannschaft und deshalb auch ein verdienter Sieger. Das spricht für sie, aber auch gegen die Serben, die sich selbst ja so gern als Geheimfavorit sehen. Aber sie sind offenbar ein so geheimer Favorit, dass auf dem Platz niemand etwas davon mitbekommt.

Zwei Torchancen erarbeitete sich Serbien in den 90 Minuten, das ist beschämend für eine Mannschaft dieser Qualität. Richtigen Druck machten sie erst in der Schlussviertelstunde, als sie in Unterzahl auf dem Platz waren – Aleksandar Lukovac war mit Gelb-Rot des Feldes verwiesen worden. Da hätte Ghanas schon führen können, wenn denn Andre Ayew, der vor zwei Jahren auch mal bei Hertha BSC zur Probe vorgespielt hatte, und der spätere Held Gyan ihre Chancen genutzt hätten. Ayew, Sohn des früheren Weltstars Abedi Pelé, setzte einen Kopfball knapp neben den Pfosten. Und Gyan hatte Pech, dass er ebenfalls mit einem Kopfball nur den Außenpfosten traf.

Gyan war für die spektakulären Szenen zuständig, aber die eigentliche Überraschung des Spiels war – neben dem Ergebnis – der frühere Berliner Kevin-Prince Boateng. Der bei Hertha BSC groß gewordene Mittelfeldspieler lief erst zum zweiten Mal für Ghana auf und war doch sofort die von allen Kollegen respektierte Autorität. In Abwesenheit des verletzten Kapitäns Michael Essien ordnete Boateng das Spiel im Zentrum, er machte es bei Bedarf schnell oder langsam.

Die Qualität seines Spiels spricht für seine gewachsene Persönlichkeit, vor allem aber für seine Nervenstärke. Vor ein paar Wochen noch war Boateng nach seinem folgenschweren Tritt gegen Michael Ballack im FA-Cup-Finale in seiner eigentlichen Heimat Deutschland so etwas wie ein kickender Staatsfeind. Viele hatten erwartet, der nur nach außen so robust wirkende Boateng würde an dieser Belastung scheitern. Es kam anders.

Nach dem Spiel tauschte Boateng das Trikot mit einem alten Berliner Spießgesellen auf serbischer Seite, von dem allerdings weniger zu sehen war. Marco Pantelic tat wenig dafür, sich nach dem Auslaufen seines Vertrages bei Ajax Amsterdam für einen neuen Klub zu empfehlen. Wie schon früher bei Hertha BSC suchte er die Nahtstellen zwischen den Verteidigern der Viererkette und ließ dabei vollständig die in Berlin gezeigte Gefährlichkeit vermissen. „Wir haben alles gegeben, aber nur ein Spiel verloren“, sagte Pantelic. „Es sind noch sechs Punkte zu vergeben, und wir sind gut genug, dass wir das nächste Spiel gegen Deutschland gewinnen können.“

Pantelic hatte eine seiner auffälligsten Szenen schon nach sieben Sekunden (!) mit einem Schuss aus gut 35 Metern, weit und hoch am Tor vorbei. Später ließ er den Ball nach einem Freistoß von Dejan Stankovic über den rechten Spann rutschen. Kurz vor Schluss wollte Pantelic es dann mal wieder mit dem rechten Außenrist richten. Wieder trat er neben den Ball, wovon der hinter ihm stehende Milos Krasic so überrascht war, dass er den Ball direkt auf Torhüter Richard Kingson drosch.

Kingson feierte am Sonntag seinen 32. Geburtstag, und die Mannschaft dankte es ihm auf ihre Weise. Noch bevor die Spieler zu ihren Fans in die Kurve liefen, holten sie von der Ersatzbank Wasserflaschen und spritzten ihren Torhüter nass.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben