Sport : Ein Sieg gegen die Bescheidenheit

Claus Vetter

Fehlende Vorbereitung schützt nicht vor Erfolg. Sollte das Beispiel der Capitals aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) Schule machen, könnten Manager professionell betriebener Mannschaftssportarten künftig Zeit und Geld sparen. Ohne Trainingslager und ohne komplette Mannschaft sind die Berliner in die Saison gestartet - und haben sich inzwischen vom Abstiegs- zum Play-off-Kandidaten entwickelt.

Über Wochen hinweg hatte Trainer Gunnar Leidborg allzu große Erwartungen gedämpft. "Der Abstand nach unten ist immer noch kürzer als der nach oben" - das war der Lieblingssatz des Schweden. Bis zum Dienstag: Da gewannen die Capitals das dritte Berliner Derby bei den Eisbären souverän mit 3:0. Noch liegen die Capitals in der Tabelle drei Punkte hinter den Eisbären - aber auch nur, weil ihnen vor Saisonbeginn wegen des Verstoßes gegen Lizenzauflagen sechs Punkte abgezogen worden waren. Damals hatte die Konkurrenz die Capitals noch belächelt. Wenige Tage vor Saisonbeginn wurde in der Deutschlandhalle ein Team zusammengeklaubt. Das war Anfang September. Die anderen Klubs hatte schon seit Anfang August ein Programm mit Testspielen und Trainingslager hinter sich. Training? Da mussten viele Spieler der Capitals lachen. Verteidiger Greg Andrusak kam erst einen Tag vor dem Saisonauftakt aus seiner Heimat nach Berlin. "Mein Training ist das erste Spiel", sagte der Kanadier.

Mit dem Erfolg hielt es sich zum Auftakt in Grenzen. Nach vier Niederlagen in Folge schienen sich die Capitals auf dem letzten Tabellenplatz einzurichten. Nur wenige glaubten damals an die Wende. Manager Olle Öst war einer von ihnen. "Von der Qualität unserer Spieler war ich schon damals überzeugt", sagt der Schwede. Also, warum schon das Personal im August entlohnen, wenn doch erst im September gespielt wird? "So lustig ist das gar nicht. Die sechs Punkte fehlen uns", sagt Öst. "Mit der Vorbereitung sieht es ähnlich aus. Hätten wir die gehabt, dann hätten wir schon sechs Punkte mehr auf dem Konto, das macht insgesamt also zwölf. Wo wir dann stünden, brauche ich nicht vorzurechnen."

Beim EHC Eisbären hat es momentan niemand mit Konjunktiven. Die tatsächliche Situation ist nach nur drei Punkten aus sechs Spielen schlimm genug, erst recht nach der Demütigung vom Dienstag. Trainer Uli Egen attestierte seiner Mannschaft zwar "Kampfgeist", aber auch "Unvermögen im Abschluss". Kein Wunder, von den beiden Spielern, auf deren Konto ein Drittel aller Eisbären-Tore gehen, war einer nicht dabei und der andere angeschlagen. Steve Walker fehlte verletzt, David Roberts war trotz seiner Rippenverletzung noch einer der Eifrigsten. Andere kurvten da schon resignierter übers Eis. Wird manchem Herren etwa klar, dass er beim EHC immer weniger mit einem neuen Vertrag rechnen darf?

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