Sport : Ein Sieg gegen die Müdigkeit

Michael Rosentritt

Manches Mal sind es Dinge am Rande, die das Große und Ganze erklärbar machen. Nehmen wir den brasilianischen Fußballspieler Marcelinho. Der in dieser Saison bislang beste Spieler von Hertha BSC hatte beim 1:1 seiner Mannschaft in Rostock einen etwas ungelenken Auftritt. In der 37. Minute kulminierte dies in zwei Aktionen. Erst brachte er das auf Fußballfeldern selten gesehene Kunststück fertig, einen Einwurf direkt ins Seitenaus zu befördern. Schließlich nahm Marcelinho auf dem Platz auch noch die Hand zu Hilfe, weshalb Schiedsrichter Florian Meyer auf Freistoß für den Gegner entschied. Marcelinho kommentierte den Pfiff unangemessen, indem er den Ball auf den Boden feuerte. Meyer zeigte ihm die Gelbe Karte. Zwischen beiden Szenen lagen nicht einmal 60 Sekunden.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Bis dahin konnte es Hertha vor allem einigen Glücksumständen zuschreiben, nicht schon mit drei Toren ins Hintertreffen geraten zu sein. Vor 14 700 Zuschauern im Ostseestadion setzte Rostocks Mittelfeldspieler Hirsch einen Kopfball auf die Oberkante der Latte des Berliner Tores. Anschließend drosch Stürmer Beierle erst einen Volleyschuss gegen die Unterkante derselben Latte, dann verfehlte Beierle das Tor um Zentimeter. Torwart Christian Fiedler wäre in diesen Fällen machtlos gewesen. Herthas Ersatztorhüter bot jedoch erneut eine gute Partie: Fiedler strahlte große Ruhe aus.

Herthas Trainer Jürgen Röber wird sich bei Halbzeit seinen Teil gedacht haben. Kurz nach Wiederbeginn nahm er Marcelinho vom Platz und brachte Andreas Neuendorf. Später reichte Röber die Erklärung nach: "Marcelinho war heute müde." Vertiefen wollte der Trainer seine Kritik am sonst so gefälligen Konditionswunder aus Brasilien nicht. Zumal es ohne Marcelinho besser lief und Hertha letztlich ein 1:1 bei Hansa erreichte, ja sogar "das Spiel am Ende hätte gewinnen können", wie Röber sagte. Doch auch dieses Unentschieden war ein Sieg, ein moralischer Sieg gegen die Müdigkeit für die Mannschaft, die 45 Stunden zuvor noch das Uefa-Cup-Spiel in Genf bestritten hatte.

Dabei hatte Hertha auch noch den Verlust eines weiteren wichtigen Spielers hinnehmen müssen. Abwehrchef Dick van Burik verließ mit einer schmerzenden Achillessehne den Platz. Für ihn kam der junge Dennis Lapaczinski, der seine Sache gut machte.

Angesichts des schludrigen Umgangs mit seinen Torchancen brauchte der FC Hansa an diesem Tag die Unterstützung des Schiedsrichters, um zum Torerfolg zu kommen. Beierle hatte erneut die Torumrahmung getroffen - diesmal den Pfosten. Schließlich kam Rostocks Abwehrspieler Rayk Schröder im Strafraum der Berliner zu Fall. Der Schiedsrichter entschied auf Strafstoß; sehr zum Ärger der Berliner. "Der war unberechtigt", schimpfte später Manager Dieter Hoeneß. Selbst Schröder gab nach Spielende zu: "Den muss man nicht geben." Dagegen hatte der Schiedsrichter zwei Minuten zuvor eigentlich keine Wahl gehabt. Da hatte Schröder im eigenen Strafraum Andreas Neuendorf regelwidrig von den Beinen geholt, doch Meyer ließ weiterspielen.

Vielleicht sorgte ausgerechnet diese unverständliche Regelauslegung dafür, dass sich Hertha berappelte. René Rydlewicz hatte den Strafstoß verwandelt, und auf einmal spiele auch der Gast aus Berlin. Es spricht für das Selbstbewusstsein der Herthaner mit zuvor vier Bundesligasiegen in Folge, dass sie sich von allen Widrigkeiten und Rückschlägen nicht allzu sehr beeindrucken ließen. Allen voran die Defensivkräfte Eyjölfur Sverrisson und Marko Rehmer übernahmen die Offensive. Zehn Minuten vor dem Abpfiff hatte sich Sverrisson bis auf die Grundlinie durchgespielt und quer vor das Tor gepasst. Da stand Rehmer und glich mit seinem zweiten Saisontreffer aus.

Röber gebrauchte später Wortgruppen wie "Moral gezeigt", "tolle Einsatzbereitschaft" und "verdienter Punktgewinn". Bart Goor hatte kurz vor Schluss sogar noch denSiegestreffer für Hertha auf dem Fuß - doch das nur am Rande.

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