Sport : Ein Sieg mit Schmerzen

Handball-Nationalteam verliert Leistungsträger

Hartmut Moheit[Mannheim]

Wäre doch Florian Kehrmann ein Aufbauspieler. Dann hätte Heiner Brand ein großes Problem weniger. „Auf Rechtsaußen kann er nicht derart Einfluss nehmen wie auf dieser zentralen Position“, sagte Handball-Bundestrainer Brand. Kehrmann, der Linkshänder vom TBV Lemgo, ist vor allem von den Pässen seiner Mitspieler abhängig. Doch wie der 28-Jährige seine Chancen bei schnellen Kontern oder im Positionsspiel verwertet, das hebt ihn hervor. In 163 Länderspielen hat Kehrmann 572 Tore geworfen, davon acht am Freitag beim 33:32 gegen Ungarn und zwei gestern beim 30:26 (11:14) gegen denselben Gegner.

„Im zentralen Aufbauspiel und in der Deckungsmitte fehlt mir ein Spieler seiner Klasse“, sagte Brand fünf Tage vor dem Auftakt der Europameisterschaft in der Schweiz. Bessere Alternativen als Christian Zeitz (Kiel) auf Halbrechts, Frank von Behren (Gummersbach) in der Mitte und Oleg Velyky (Kronau/Östringen) auf Halblinks hat er im Angriff nicht. „Von seiner handballerischen Qualität kann Velyky ein Führungsspieler sein“, sagte der Bundestrainer. Gestern allerdings verdrehte Velyky sich vor 13 200 Fans in Mannheim ohne Einwirkung das Knie und fällt sechs Monate aus. Eine Kernspintomografie im Unfallkrankenhaus Ludwigshafen ergab, dass sich der 25-malige Nationalspieler das Kreuzband im rechten Knie gerissen hat. So wurde es für Brands Mannschaft ein schmerzhafter Sieg.

Sein Team habe zudem das Problem, „dass die Leute, die bei uns im Angriff tonangebend sind, nicht im Mittelblock der Abwehr stehen“, sagte Brand. „Deshalb müssen wir mindestens einen Spielerwechsel zwischen Angriff und Abwehr vornehmen – manchmal auch zwei. Das aber ist international bei dem heutigen schnellen Spiel sehr gefährlich.“ Während von Behren als harter Mann in der Deckung gilt und auch vorn Regie führen kann, ist Pascal Hens (HSV Hamburg) wegen seiner Deckungsschwäche lediglich im Angriff einsetzbar. In diesem Fall ist Brand zum ständigen Wechseln gezwungen. Das moderne Handballspiel, wie es auch vom Meister THW Kiel in der Bundesliga vorgeführt wird, ist jedoch dadurch geprägt, dass der Gegner blitzschnell den Gegenangriff einleitet oder von der Mittellinie aus ohne Warten den Anwurf ausführt. Einen deutlichen Vorteil hat jene Mannschaft, die das dank ausreichender Klassespieler ohne einen Wechsel praktizieren kann.

Gegen Ungarn fielen auch generelle Mängel im Angriff auf. Der Kieler Christian Zeitz etwa bot am Freitag eine nur durchschnittliche Leistung. „Ihm gelangen ein paar gute Anspiele, aber Fehlwürfe und technische Fehler trübten den Gesamteindruck über ihn“, kritisierte Brand seinen einzigen Linkshänder unter den Aufbauspielern mit internationaler Erfahrung. Die Ungarn boten auf der halbrechten Rückraum-Position Laszlo Nagy auf. Der Star des FC Barcelona überragte Zeitz nicht nur wegen seiner Körpergröße von 2,09 Meter um 24 Zentimeter, er demonstrierte alle jene Tugenden, die auf dieser wichtigen Position nötig sind. Er zog die Deckung auf sich, erst dann entschied er sich zum Wurf – oder er spielte den freien Mitspieler am Kreis an. Wurde er ausgewechselt, dann hatten die Ungarn mit Balasz Laluska nahezu gleichwertigen Ersatz. Diese Alternativen gibt es bei den Deutschen nicht.

„Wir müssen unsere Nachteile bei der EM durch Kampfgeist ausgleichen, dann können wir die Großen ärgern“, sagte Brand. Im ersten EM-Spiel am Donnerstag in Basel treffen die Deutschen auf Spanien. Die Spieler des Weltmeisters würden auf das verzichten, was von Behren im ersten Spiel gegen Ungarn demonstriert hat. Bei einer klaren Führung versuchte er zwei Rückhandanspiele, die abgefangen wurden und zu Kontertoren führten. Plötzlich hatte der Gegner wieder eine Siegchance.

In der EM-Vorrunde muss das deutsche Team von den Begegnungen mit Spanien, der Slowakei und Frankreich mindestens eine gewinnen, um auch noch die Hauptrunde in Basel spielen zu dürfen. Für den Titelverteidiger Deutschland macht Brand deshalb eine einfache Rechnung auf: „Wir sind diesmal in keinem Spiel der Favorit, wollen aber alle Spiele gewinnen.“

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