Sport : Ein Sieg mit Schuss

Herthas neuer brasilianischer Spieler Mineiro trifft in letzter Sekunde zum 2:1 über den Hamburger SV

Michael Rosentritt

Berlin - Die ganze Emotionalität eines gut neunzigminütigen Fußballspiels passte am Ende auf den Kopf von Dieter Hoeneß. Da sprang Falko Götz Hoeneß vor den Bauch und trommelte auf dessen Glatze. Dazu muss man eines wissen: In den zehn Jahren, in denen Dieter Hoeneß bei Hertha wirkt, ist das noch nie passiert. Zum einen hängt Hoeneß’ Glatze recht hoch, zum anderen ist er die Respektsperson bei Hertha BSC. Niemand würde seinen Oberboss an dieser sensiblen Stelle tätscheln. In dieser Sekunde aber ist alles anders. Purer Übermut durchzuckt die beiden Herren an der Seitenlinie. Solche Exaltiertheit am Rand war zuletzt im WM-Spiel der Deutschen gegen Polen bei Jürgen Klinsmann zu sehen, der nach Oliver Neuvilles Siegtor in der letzten Spielsekunde wie angestochen durch die Coachingzone flipperte.

Herthas Neuville vom Samstagnachmittag heißt Mineiro. Es ist sein erster Einsatz für Hertha. Und die letzten drei, vier Sekunden des Spiels sollen ihn zum Helden machen. Mineiro läuft auf das Tor des Hamburger SV zu, es ist die wahrscheinlich letzte Aktion eines unterhaltsamen Bundesligaspiels. Es steht 1:1. Mineiro, ein 65-Kilo-Bürschchen, legt sich den Ball kurz vor und zimmert ihn aus 25 Metern Entfernung unter die Latte – ein Traumtor, im Boxen nennt man so etwas einen Lucky Punch. Mit einem Schlag ist alles vorbei. 2:1 für Hertha. Abpfiff, Ende, Aus.

„Es gibt viele Gründe für diese Freude“, sagte Herthas Manager Hoeneß hinterher, „das Tor an sich, der Torschütze und der Zeitpunkt.“ Mineiro hat für Hertha ein Spiel gewonnen, das ungewinnbar schien. Der Hamburger SV, erstmals mit Huub Stevens auf der Trainerbank, war nach einer halben Stunde und nach einem kapitalen Fehler von Malik Fathi sowie einem Fehlgriff von Torwart Christian Fiedler durch Alexander Laas vor 47 000 Zuschauern in Führung gegangen. Zuvor hatte Marko Pantelic einen Elfmeter verschossen. Erst eine knappe Viertelstunde vor Spielende war Kapitän Arne Friedrich per Kopf nach einem Freistoß von Gilberto der Ausgleich geglückt. Anschließend suchten beide Mannschaften die Entscheidung. Hertha drückte, der HSV konterte. Ein Tor wollte selbst aus besten Gelegenheiten nicht fallen. Die beste vereitelte Torwart Fiedler, als er einen Schuss aus Nahdistanz des eingewechselten Juan Pablo Sorin reflexartig parierte. Den Abpraller nahm der Hamburger Joris Mathijsen volley, doch dieser traf anstatt ins leere Tor den ihm im Weg stehenden Boubacar Sanogo. „Uns hat das Quäntchen Glück gefehlt, das einem fehlt, der unten drin steht“, sagte der neue Hamburger Trainer Stevens. Der 53 Jahre alte Niederländer hatte von Juni 2002 bis Dezember 2003 Hertha BSC trainiert, vom Berliner Publikum wurde er weitestgehend emotionslos empfangen – es gab weder Pfiffe noch Applaus.

Stevens Vorgänger und Nachfolger bei Hertha, Falko Götz, frohlockte: „Mit dem Schuss von Mineiro sind wir – durch Glück oder nicht – belohnt worden.“ Was solle er noch sagen, fragte er, ehe er seinem Siegtraumtorschützen zurief: „Herzlich Willkommen in Berlin!“

Hertha bleibt nach dem Sieg im eigenen Stadion weiterhin ungeschlagen. Vor allem aber haben sich die Berliner damit nach dem 0:5-Debakel bei Hannover 96 am vergangenen Mittwoch aus einer schwierigen Situation befreit. „Das ist ein besonderer Tag für mich“, sagte Mineiro und wirkte verschüchtert. „Ich freue mich, dass ich helfen kann. Aber ich werde meine Ruhe behalten.“

Der HSV dagegen rutscht auch mit dem Nachfolger von Thomas Doll immer tiefer in eine ohnehin schon dramatische Krise. Der letzte Platz gehört weiterhin den Hamburgern. „Da kann man schon ein bisschen Mitleid haben“, sagte Arne Friedrich und verschwand zum Feiern.

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