Sport : Ein Spätberufener tritt nach vorn

Mit 50 Jahren bekommt Iwan Tischanski beim 1. FC Union die Chance, sich als Cheftrainer auf Zeit zu profilieren

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Von Karsten Doneck

Berlin. Die Rollenverteilung schien unerschütterlich. Hier Georgi Wassilew, der Chef, dort Iwan Tischanski, sein Assistent. Ein bulgarisches Duo, harmonisch-kumpelhaft im Umgang miteinander, manchmal mit kontroversen Meinungen zu Taktik oder Aufstellung, aber nie bösartig streitend, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Zwei Männer, die seit Juli 1999 an einem Ziel arbeiteten: den 1. FC Union fußballerisch voranzubringen. Seit Samstag ist diese heile Trainer-Welt im Verein etwas aus den Fugen geraten. Wassilew, dessen Vertrag am Saisonende ausgelaufen wäre, wurde fristlos gekündigt, und Tischanski, der immer im Schatten seines unmittelbaren Vorgesetzten stand und sich in seiner bescheidenen, zurückhaltenden Art gar nicht so unwohl zu fühlen schien, wird nun die Mannschaft hauptverantwortlich trainieren. Jedenfalls so lange, bis Präsident Heiner Bertram einen neuen Trainer eingestellt hat. Das wird maximal bis zur Winterpause dauern, sogar mit einem früheren Vertragsabschluss ist zu rechnen.

Für Tischanski, stets auf Loyalität bedacht, war das vorzeitige Dienstende von Wassilew keine Überraschung mehr. Aber leicht fällt es ihm nicht, mit den neuen Gegebenheiten umzugehen. „Es ist bitter“, sagt Tischanski und schickt Wassilew noch ein paar lobende Worte hinterher: „Was der Mann geleistet hat, ist unglaublich. Egal, wer nach ihm kommt, derjenige wird es sehr schwer haben.“ Nun ist Tischanski selbst der Nachfolger. Vorübergehend nur, aber immerhin. Das Spielsystem Wassilewscher Prägung wird deshalb aber nicht gleich durch ein grundlegend anderes ersetzt. „Sicher muss etwas geändert werden, wenn es nicht richtig läuft. Ich mache mir Gedanken“, sagt Tischanski, doch das klingt eher nach dosierter Erneuerung. Kein Wunder, so weit lagen Wassilew und Tischanski mit ihren Auffassungen vom Fußball ja nie auseinander.

Tischanski hat im Alter von neun Jahren bei September Sofia mit dem Fußballspielen begonnen. Mit sechzehneinhalb hatte er für den Klub seinen ersten Auftritt im Profibereich. Über ein paar andere Vereine der bulgarischen Hauptstadt landete er schließlich bei Lewski Sofia. Eine gewisse Unrast trieb ihn weiter. Er wollte weg aus Bulgarien. Nicht, weil ihm das Land nicht gefiel, vielmehr als Horizonterweiterung. „Es war nicht leicht, damals, Anfang der Achtzigerjahre, aus den sozialistischen Ländern rauszukommen, um anderswo zu arbeiten oder nur Fußball zu spielen“, sagt Tischanski.

Es ging dann doch. Zumindest für Iwan Tischanski. Erst war da ein Angebot von AEK Athen, dann, fast zeitgleich, der Wunsch eines auf Zypern arbeitenden bulgarischen Trainers, ihn zu holen – und schon verteidigte Tischanski bei Alki Larnaca. Auf Zypern machte er auch seine ersten Versuche als Trainer. Ohne Lizenz noch. In Lindabrunn in Österreich „habe ich dann 1989 ein bisschen in der dritten Liga gespielt und gleichzeitig meine A-Lizenz als Trainer gemacht“, sagt Tischanski. 1991 kehrte er nach Zypern zurück, wo ihn acht Jahre später der Anruf von Wassilew erreichte, der mit ihm gemeinsam beim 1. FC Union arbeiten wollte. Tischanski zögerte keine Minute, er sagte zu.

Iwan Tischanski spricht im Gegensatz zu Wassilew hervorragend Deutsch, auch wenn er zugibt: „Ich mache noch viele Fehler, die deutsche Grammatik ist so schwer.“ Seine Eltern haben ihn in Sofia einst in einen deutschen Kindergarten geschickt, damit er Deutsch lerne. Später studierte er in Sofia Ökonomie, machte sein Diplom, lernte auch noch Russisch und Englisch.Als Wirtschaftler wird man Tischanski indes wohl nicht mehr erleben. „Mein ganzes Leben lang beschäftige ich mich jetzt mit Fußball“, sagt er. Cheftrainer zu werden, am besten im deutschen Profifußball, das ist sein Ziel. Aber er gibt zu: „Es ist nicht einfach, einen solchen Job zu bekommen. Ich bin ja nicht mehr der Jüngste.“ Tischanski ist 50 Jahre alt. Und hofft nun, dass Union für ihn vielleicht noch zur späten Chance wird.

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