Sport : Ein Spiel für den Treteimer

Portugiesen und Holländer bekriegen sich – danach will es keiner gewesen sein

Sven Goldmann[Nürnberg]

So verkniffen wie Maniche hat bei dieser WM noch keiner den Preis als „Man of the Match“ entgegengenommen. Sein Tor war das entscheidende beim 1:0-Sieg gegen Holland, aber der Portugiese dachte wahrscheinlich an die Kollegen Deco und Costinha, die für das nächste Spiel gesperrt sind, das Viertelfinale am Samstag gegen England. Plötzlich stand Luiz Felipe Scolari auf. Der portugiesische Trainer verneigte sich und schlug die Hände zum Beifall, und jetzt freute sich Maniche doch ein bisschen. Er lachte und hielt einen kleinen Vortrag über heldenhaften Kampf, Liebe zum Vaterland und Stolz auf die Mannschaft, „eine wunderbare Gruppen von Freunden“. Von Fouls und Spielverzögerung und Handgreiflichkeiten sprach er nicht. Maniche sagte: „Wir haben versucht, Fußball zu spielen.“

Es ist beim Versuch geblieben, richtig große Mühe haben sich Holländer und Portugiesen nicht gegeben am Sonntagabend in Nürnberg. Vier Gelb-Rote Karten verteilte der russische Schiedsrichter Iwanow, und bei der Suche nach der Urheberschaft waren sich die beiden auf dem Platz so verfeindeten Mannschaften ausnahmsweise einig: Der Schiedsrichters war’s, hoffnungslos überfordert, „schade, dass so einer dieses Spiel pfeifen durfte“, fand Hollands Trainer Marco van Basten, sein Kollege Scolari ereiferte sich über den Ausschluss seines Spielmachers Deco, „er hat nichts gemacht, ein Holländer hat ihn umgerissen“. Das wiederum wollte der Holländer nicht so stehen lassen: „Deco hat den Ball nicht herausgegeben, die Portugiesen haben doch die ganze zweite Halbzeit lang das Spiel verzögert, die kennen alle Tricks. Die müssen erst selbst in den Spiegel schauen, wenn sie Fairplay einfordern.“ Van Basten bemühte sich um einen sachlichen Ton, aber seine Gesichtsmuskulatur zitterte.

Zwei Stunden zuvor war er von Scolari an der Seitenlinie wüst angebrüllt worden, nach einem Foul des Hamburgers Khalid Boulahrouz an Cristiano Ronaldo, in dem die Portugiesen den Ursprung aller Eskalation sahen. Ronaldo gab nach einer halben Stunde und einem weiteren Tritt von Boulahrouz verletzt auf, aber das fröhliche Treten nahm erst in der zweiten Halbzeit seinen Lauf. Da führte Scolaris Mannschaft durch ein Tor des überragenden Maniche schon 1:0, spielte aber nur noch zu zehnt, weil Costinha sich mit der ersten Gelb-Roten Karte bereits verabschiedet hatte. Die Portugiesen waren in Verteidigungshaltung und legten dabei keinen großen Wert auf künstlerische Mittel.

Luis Figo, der große, stolze Mann des portugiesischen Fußballs warf den ersten Klecks auf die weiße Leinwand, die später rot-gelb verschmiert war. In Zeiten allgegenwärtiger Fernsehkameras blieb nicht verborgen, wie Figo ein Wortgefecht mit Mark van Bommel um das Argument eines Kopfstoßes erweiterte. Das war nicht so schlimm, wie es der theatralisch zu Boden fallende Holländer glauben machen wollte, aber auch ein sanfter Kopfstoß ist eine Tätlichkeit und mit der Roten Karte zu ahnden. Iwanow aber zog nur Gelb und schuf damit eine Tatsachenentscheidung, die nicht mehr anzufechten ist. Später sagte Figo: „Wir haben Charakter und Stärke gezeigt.“

Scolari mochte den Streit um seinen Kapitän nicht verstehen und fand dafür einen seltsamen Vergleich: „Jesus Christus sagt: Halte die zweite Wange hin. Aber Figo ist nicht Jesus Christus.“ Immerhin hielt Figo seine Wange noch für den ersten holländischen Platzverweis hin. Boulahrouz touchierte ihn im Laufduell, unabsichtlich, wie die Fernsehbilder zeigten, doch Iwanow zog die zweite Gelbe Karte und beendete damit die WM-Mission des Hamburgers. „Schaut euch noch mal an, was der Holländer mit Luis gemacht hat“, schnaufte Scolari und verschwieg, dass sein Personal die schmutzigen Fouls verantwortet hatte. Mag sein, dass Deco den Holländer Heitinga dafür bestrafen wollte, dass dieser den Ball nach einer Verletzungspause wider ein ungeschriebenes Gesetz nicht den Portugiesen zuwarf. Aber musste der Künstler als Mittel dafür eine Grätsche aus vollem Lauf wählen? Schon hier wäre die Rote Karte angemessen gewesen. Dass Deco später wegen Spielverzögerung vom Platz musste, war im Einzelfall strittig, aber für sein Gesamtwerk hatte er sich den Ausschluss aufrichtig verdient. Dennoch will der portugiesische Verband die Strafe anfechten.

Deco kommt wie Scolari aus Brasilien, dort gelten Spiele wie das zwischen Portugal und Holland als eher harmlos. „In Südamerika geht es manchmal zu wie im Krieg, da findet der Fußball eher am Rande statt“, sagte Scolari und schuf weiter große Wortbilder von einer Mannschaft, die heldenhaft gekämpft und große Ehre fürs Vaterland eingelegt habe. Sein Schlusswort zum sportlichen Teil des Abends: „Das war großer Fußball.“

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