Sport : Ein Spieler, ein Spiel, zehn Tore

Stürmer Gottfried Fuchs überragte 1912 beim 16:0-Rekordsieg über Russland

Sven Goldmann

Am 5. April jährt sich zum hundertsten Mal das erste Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Bis dahin erinnern wir jeden Tag an die besten Spiele der DFB-Elf. Heute, unser Platz 9: Das Spiel bei den Olympischen Spielen 1912 gegen Russland.

Ihren höchsten Sieg feierte die Nationalmannschaft fast allein. Wo heute Stockholms Rasunda-Stadion steht, war 1912 ein besserer Dorfsportplatz. Nur 1000 Zuschauer saßen am 1. Juli auf der rot gestrichenen Holztribüne. Wer hätte auch die historische Dimension dieses olympischen Trostrundenspiels zwischen Deutschland und Russland ahnen können, dieses 16:0 mit zehn Toren von Gottfried Fuchs?

Der Vorabend, das gemeinsame Bankett beider Teams: Die Deutschen schimpfen über die Österreicher, gegen die sie im Achtelfinale verloren haben. Zur Pause lagen sie 1:0 vorn, aber dann lief ihr Torwart, der Berliner Albert Weber, gegen den Pfosten. Weber erlitt eine Gehirnerschütterung, hätte aber nur ausgewechselt werden dürfen, wenn die Österreicher einverstanden gewesen wären. Waren sie aber nicht und schossen schnell zwei Tore, dann ging Weber raus und Mittelstürmer Willi Worpitzki ins Tor, am Ende gewann Österreich 5:1. Die Russen hatte es noch schlimmer erwischt. Sie verloren zwar nur 1:2, aber ausgerechnet gegen das kleine Finnland, das damals noch ein russisches Großherzogtum war. Der Zar soll geflucht haben. Es wird also viel geredet bei diesem Bankett, und dazu auch die eine oder andere Flasche geleert.

Entgegen der landläufigen Meinung, nach der Russen schwer unter den Tisch zu trinken sind, haben die Deutschen deutliche Vorteile. Sie kommen mit dem Kater besser klar. Die wenigen Zuschauer staunen über die Probleme, die den Russen schon das Geradeauslaufen bereitet. Schon nach einer Minute schiebt Gottfried Fuchs den Ball zum ersten Mal ins Tor. Vier Minuten später zieht sein Karlsruher Kollege Fritz Förderer nach. Zum 8:0-Halbzeitstand tragen Fuchs fünf und Förderer zwei Tore bei.

Die beiden Karlsruher sind motiviert. Gegen Österreich hatten sie nicht spielen dürfen, dabei war ihr Karlsruher FV das überragende Team im Vorkriegsdeutschland. „Vor allem der Karlsruher Innensturm Förderer, Fuchs, Hirsch, dem damals ein sagenhafter Ruf vorausging, imponierte mir mit seinen technischen Kunststückchen und bestechenden Kombinationszügen“, notierte der spätere Bundestrainer Sepp Herberger. 1912 aber wurde die Nationalmannschaft nicht von einem Trainer aufgestellt, sondern von einem Ausschuss der Regionalverbände, die eifersüchtig über den Proporz wachten. Gegen Österreich erhielt Julius Hirsch die Karlsruher Planstelle, gegen Russland durften Fuchs und Förderer stürmen.

Gottfried Fuchs war ein schlaksiger junger Mann, hoch aufgeschossen, mit langer Haartolle und bemerkenswertem Instinkt für Fairness. Einmal soll er den Schiedsrichter zur Zurücknahme eines Elfmeters aufgefordert haben, „ich bin doch über meine eigenen Beine gestolpert“. Gegen die verkaterten Russen aber kennt er kein Pardon. Am Ende erzielt er zehn Tore.

Der Rekord geriet zwischenzeitlich in Vergessenheit. Fuchs war wie sein Klubkamerad Hirsch Jude. Unter den Nazis ließ der DFB die Namen der beiden aus sämtlichen Listen tilgen. Hirsch wurde in Auschwitz ermordet, Fuchs gelang 1937 die Flucht nach Kanada, wo er sich Godfrey Fochs nannte. Als die deutsche Nationalmannschaft 1955 erstmals nach dem Krieg in Moskau antrat, schickte Bundestrainer Herberger eine Postkarte mit den Unterschriften aller Nationalspieler an den Mann, der 1912 gleich zehn Tore gegen die Russen geschossen hatte.

Für die Russen endete das olympische Debakel glimpflich. Der Zar bestand lediglich darauf, dass die Spieler die Kosten für die Heimreise selbst tragen mussten.

1. Juli 1912, Olympische Spiele in Stockholm, Deutschland – Russland 16:0. Zuschauer: 1000. Tore: 1:0 Fuchs (2.), 2:0 Förderer (6.), 3:0 Fuchs (9.), 4:0 Fuchs (21.), 5:0 Förderer (27.), 6:0 Fuchs (28.), 7:0 Burger (30.), 8:0 Fuchs (34.), 9:0 Fuchs (46.), 10:0 Fuchs (51.), 11:0 Förderer (53.), 12:0 Fuchs (55.), 13:0 Oberle (58.), 14:0 Fuchs (65.), 15:0 Förderer (66.), 16:0 Fuchs (69.).

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