Sport : Ein Sprint für die Ehrlichkeit

Asafa Powell läuft den 100-Meter-Weltrekord und verdrängt damit auch Dopinggerüchte um die alte Marke

Jörg Wenig

Berlin - Mit dem Training begann er erst vor fünf Jahren. Einen gewissen Anteil daran hat sein Bruder, denn den sah Asafa Powell 1999 über die Tartanbahn bei der Hallen-WM über 60 Meter sprinten. Als er dann die Olympischen Spiele in Sydney im Jahr danach vor dem Fernseher verfolgte, entschloss er sich, einen Sprinttrainer zu nehmen. So begann die Karriere von Asafa Powell, jenem Mann, der am Dienstagabend die 100-Meter-Strecke in 9,77 Sekunden lief. Es war der neue Weltrekord, eine Sensation.

Der Jamaikaner, 22 Jahre alt, verbesserte damit beim Super-Grand-Prix-Meeting im Athener Olympiastadion die knapp drei Jahre alte Marke des US-Amerikaners Tim Montgomery um eine Hundertstelsekunde. Unterstützt von einem Rückenwind, der mit 1,6 Metern pro Sekunde noch regelgerecht war, erreichte Asafa Powell nach 9,77 Sekunden das Ziel. Zunächst leuchteten auf der Anzeigentafel 9,78 Sekunden auf, doch nach Auswertung des Zielbildes wurde das Ergebnis um eine Hundertstelsekunde korrigiert. Asafa Powell riss die Arme hoch und ließ sich von den wenigen Fans auf der Tribüne feiern. In das Stadion von Athen, in das 74 000 Zuschauer passen, waren an diesem Abend gerade einmal 5000 Menschen gekommen.

Es war nicht nur deshalb ein relativ verhaltener Jubel. Asafa Powell tritt viel ruhiger auf als viele seiner Kollegen. „Ich bin nicht der Typ, der durchdreht – und das wird sich auch nicht ändern“, sagte er nach dem Sprint. Dass er in Weltrekordform war, hatte der Jamaikaner in den vergangenen Wochen schon einige Male bewiesen. Bereits Anfang Mai war Asafa Powell die 100 Meter bei einem Meeting in Kingston (Jamaika) in 9,84 Sekunden gesprintet – und hatte dabei auf den letzten 15 Metern das Tempo leicht herausgenommen. „Das hat mich den Weltrekord gekostet – ich denke, ich hätte 9,75 oder 9,76 Sekunden rennen können“, sagte er damals und erklärte das so: „Mein Trainer hatte mir gesagt, dass ich noch nicht Weltrekord laufen soll.“ So blieb es damals bei der Einstellung des Commonwealth-Rekordes und der fünftschnellsten je gelaufenen Zeit. Der Weltrekord sollte vielleicht für die lukrativeren Meetings aufgehoben werden.

Den nächsten Beweis seiner außerordentlichen Form lieferte er vor einer Woche in Ostrava. Beim Meeting in der Tschechischen Republik war es kalt und regnerisch, und trotzdem rannte Asafa Powell die Strecke in 9,85 Sekunden.

Athen kam nun zur rechten Zeit. „Ich denke, dass jemand, der 9,84 und 9,85 Sekunden laufen kann, auch den Weltrekord brechen kann“, hatte der 60-Meter-Hallen-Europameister Jason Gardener kurz vor dem Meeting gesagt. Er sollte Recht behalten. Endlich ein Sieg in Athen, das tat Powell gut, nachdem es bei Olympia 2004 nicht geklappt hatte. „Heute habe ich mein Ziel in Athen erreicht“, sagte Powell nach seinem Rekordlauf.

Einmal hat Asafa Powell in dieser Saison verloren. Beim Grand-Prix-Meeting in Eugene unterlag er Anfang des Monats hauchdünn dem Olympiasieger Justin Gatlin (USA). Beide wurden zeitgleich in 9,84 Sekunden gestoppt. „Ich kann den Weltrekord brechen“, hatte Justin Gatlin danach angekündigt – nun ist ihm Asafa Powell zuvor gekommen. Und er hat auch der Leichtathletik einen Gefallen getan. Denn an der alten Marke haftet ein schwerer Verdacht. Montgomery, der beim Grand-Prix-Finale im September 2002 in Paris jene 9,78 Sekunden gerannt war, steht in den USA mit seiner Partnerin Marion Jones im Mittelpunkt eines Dopingskandals. „Ja, für den Sport ist mein Weltrekord sicherlich gut“, sagte Asafa Powell. Und dann fügte er hinzu: „Und beim nächsten Mal werde ich versuchen, noch schneller zu sein.“

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