Sport : Ein Sprung bis hinter China

Die Deutschen enttäuschen beim Auftakt der Vierschanzentournee – der Favorit Janne Ahonen gewinnt

Benedikt Voigt[Oberstdorf]

Irgendjemand soll ihn gesehen haben. „Willkommen, Sven Hannawald“, rief der Sprecher der Skisprung-Arena am Schattenberg, obwohl er den Angesprochenen nicht sehen konnte. Der ehemalige Held der deutschen Skispringer sollte im Auslaufbereich der Schanze vor 24000 Zuschauern für vergangene Leistungen geehrt werden. 30 Kinder, die bunte Fahnen in der Hand hielten, hatten sich für diese Ehrung im Halbkreis aufgestellt. Doch Sven Hannawald, der an einem Erschöpfungssyndrom leidet, fehlte. „Ich kann ihn nicht finden“, rief der Mann mit dem Mikrofon, „ich hätte ihm gerne ein paar Fragen gestellt.“ Hat ihn überhaupt einer gesehen, die ehemaligen Teamkameraden vielleicht? „Ich nicht“, sagte Georg Späth. Nur Michael Neumayer wusste etwas. „Ich habe ihn irgendwann in der Nähe des Lifts gesehen.“ Sie hätten ihn auf der Schanze gut gebrauchen können.

Der Auftakt der Vierschanzentournee endete mit einer großen Enttäuschung für die deutschen Skispringer. Schon im Vorfeld hatte sich Bundestrainer Peter Rohwein dafür ausgesprochen, nicht zu viel von seinem Team zu erwarten. Doch Georg Späth (21.), Alexander Herr (44.) und Martin Schmitt (49. und damit Vorletzter) genügten selbst niedrigen Ansprüchen nicht. „Der Ausfall von Herr und Späth hat mich am meisten enttäuscht“, sagte der Bundestrainer, „wir waren nicht in der Lage, unser gutes Training umzusetzen.“ Allein mit Michael Uhrmann (8.), Michael Neumayer (16.) und Maximilian Mechler (19.) konnte er einigermaßen zufrieden sein. „Das ist positiv einzuschätzen“, sagte Peter Rohwein, „und ganz überraschend hat Janne Ahonen gewonnen.“

Der Bundestrainer beliebt zu scherzen. Der Finne gewann in Oberstdorf nach Sprüngen auf 127 und 133,5 Meter bereits das achte von neun Weltcupspringen. In dieser überragenden Form bleibt er der einzige Kandidat auf den Gewinn der Vierschanzentournee. Auch der Rekord von Hannawald, der vor drei Jahren alle vier Springen gewann, scheint in Reichweite. „Ich schaue nur von Springen zu Springen“, sagte Ahonen. Der Norweger Roar Ljoekelsoey und der Pole Adam Malysz kamen ihm noch am nächsten.

Die beeindruckende Dominanz des Finnen entlaste das deutsche Team, findet Michael Uhrmann. „Das zeigt doch, dass die anderen Nationen auch keinen Siegspringer haben.“ Uhrmann rettete mit seiner Platzierung den Deutschen Skiverband vor einem Debakel. „Ich habe das Klassenziel erreicht“, sagte Uhrmann, „was mit dem Team ist, sollen andere beantworten.“ Ihm hatte allerdings wie allen anderen deutschen Springern der Rückenwind im ersten Durchgang zu schaffen gemacht. „Rückenwind ist schon immer unser leidiges Kind“, sagt Peter Rohwein. Durch die neue Gewichtsregel seien athletischere Springer gefragt. „Die Deutschen haben aber früher eher von ihren fliegerischen Qualitäten gelebt.“

Von Fliegen konnte bei Martin Schmitt nicht die Rede sein. „Ich bin nicht ins Steigen gekommen, sondern einfach durchgefallen“, sagte der Mannschaftsolympiasieger von Salt Lake City. Michael Neumayer hatte seinen Teamkameraden im K.o.- Durchgang bezwungen, doch am gestrigen Abend hätte das jeder geschafft. Schmitt landete nach 94,5 Metern sogar hinter Tian Zhandong aus der Skisprung-Diaspora China. Dabei hatte Martin Schmitt am Vortag noch einen guten Qualifikationssprung hingelegt. „Sein Anspruch an sich selber ist zu hoch“, sagte sein Manager Hubert Schiffmann.

Und als eigentlich alles vorbei war, tauchte auch noch Sven Hannawald auf. „Im Vorfeld wusste ich nicht, ob ich hierher kommen sollte“, sagte der 30-Jährige, dessen sportliches Comeback aufgrund psychischer Probleme weiter fraglich ist. „Aber es war absolut genial.“ Man merkt, dass er dem deutschen Team auch mental nicht mehr angehört. Ein deutscher Springer hätte das gestern nicht gesagt.

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