Sport : Ein Star macht sich vom Rasen

Tennis-Altmeister Andre Agassi sagt für Wimbledon ab und hat nur noch ein großes Ziel: die US Open 2004

Benedikt Voigt

Wenn Andre Agassi zuletzt einen Tennisplatz verließ, hat er stets unfreiwillig etwas für die Bekanntheit seines Gegenspielers getan. Bei Nenad Zimonjic ist ihm das gelungen, indem er gegen den unbekannten Serben vor einem Monat beim Turnier in St. Pölten in der ersten Runde verlor. Wenig später stieg auch das Interesse an dem Franzosen Jerome Haehnel, der Agassi bei den French Open in der ersten Runde nach Hause geschickt hatte. Und zuletzt fiel auch noch für den Russen Igor Andreew ein wenig Publicity ab, weil dieser ebenfalls die letzte im Tenniszirkus verbliebene Größe der Neunzigerjahre beim Rasenturnier im Londoner Queen’s Club bei dessen erstem Auftritt bezwingen konnte.

Jetzt hat Andre Agassi genug von den Niederlagen. Der 34-Jährige sagte seinen Auftritt beim Tennisturnier in Wimbledon ab. „Ich habe in den letzten Monaten mit einer Hüftverletzung gekämpft und habe bei meiner Vorbereitung auf Wimbledon gemerkt, dass sich die Verletzung auf diesem Boden nur verschlechtert“, teilte Agassi den Organisatoren des Grand-Slam-Turniers mit. Für das am kommenden Montag beginnende Turnier reiht sich diese Nachricht in die Liste prominenter Absagen ein. Bei den Herren werden Gustavo Kuerten, Younes El Aynaoui und der French-Open-Sieger Gaston Gaudio fehlen, bei den Damen haben die Belgierinnen Kim Clijsters und Justin Henin-Hardenne zurückgezogen. Andre Agassis Fehlen jedoch ist für die Veranstalter des traditionsreichen Grasturniers am schmerzhaftesten. Niemand weiß, ob er noch einmal an die Stätte seines ersten Grand-Slam- Erfolges zurückkehren wird.

Eine große Karriere neigt sich ihrem Ende zu. Zwar wurde bereits im letzten Jahr darüber spekuliert, dass der Großmeister des Tennis seine Laufbahn bald beenden werde. Und dann spielte er noch ein eindrucksvolle Saison. Er gewann die Australian Open gegen Rainer Schüttler, eroberte noch einmal Platz eins der Weltrangliste und stand abschließend im Finale des Masters-Turniers in Houston. In diesem Jahr aber bleibt sportlicher Erfolg weitgehend aus. Nach Halbfinalteilnahmen bei den Australian Open, in San Jose und Indian Wells verlor er in Miami im Achtelfinale. Dann folgten die drei Niederlagen im jeweils ersten Match. Fragt sich, ob seine Leistung tatsächlich allmählich nachlässt oder ob diese Pleiten allein seiner Hüftverletzung zuzuschreiben sind?

Das dürfte sich bei den US Open 2004 in Flushing Meadows endgültig entscheiden. Noch einmal trainiert Agassi für das wichtigste Tennisturnier in seiner Heimat. Die Absage für Wimbledon schmerzt ihn. „Ich werde die Gelegenheit verpassen, am wichtigsten Turnier der Welt mitzuspielen.“ Dafür aber kann er noch einmal fit auf dem Hartplatz in New York erscheinen. Es könnte sein Abschied werden.

„Man weiß nie, wann es das letzte Mal ist“, hat Agassi bereits nach seinem Ausscheiden bei den Australian Open gesagt. Den Organisatoren von Wimbledon stellte er zwar eine Rückkehr in Aussicht. „Ich hoffe und plane, dass ich Sie im nächsten Jahr sehe“, schreibt Agassi am Ende seines kurzen Statements. Doch der Mann, den John McEnroe den „vielleicht besten Returnspieler aller Zeiten“ nannte, hat längst die Familie als wichtigstes Gut entdeckt. Niederlagen seien nicht mehr so schlimm, hat Agassi zuletzt öfters gesagt, er habe nun Frau und Kinder, die ihn an die wirklich wichtigen Dinge erinnern. Inzwischen finden sich im Tennis-Weltcup auch die Namen derer, die Andre Agassi in den nächsten Jahren beerben könnten. Der Schweizer Roger Federer etwa, der ihn in Houston bezwang. Auch Andy Roddick, Guillermo Coria, Marat Safin oder Lleyton Hewitt. Sie besetzen bereits in der Weltrangliste Plätze zwischen eins und zehn. Andre Agassi hingegen ist auf Position dreizehn abgerutscht.

Als Vorletzter der Tennisstars der Neunzigerjahre hat sich Pete Sampras im vergangenen Jahr bei den US Open verabschiedet. Obwohl der US-Amerikaner wegen seiner spröden Art nicht gerade ein Publikumsliebling war, bereiteten ihm die Fans in New York einen emotionsreichen Abschied. Wie wird das erst bei Andre Agassi werden.

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