Sport : Ein starkes Paar

Beach-Volleyballer Dieckmann/Reckermann gewinnen sensationell in Berlin

Frank Bachner

Berlin - Irgendwann ging das Gebrüll in schrilles Kreischen über, ungefähr nach der zwölften Wiederholung. Zwölf Mal in geschätzt 20 Sekunden „Das Spiel ist aus“ ins Mikrofon zu schreien, ist anstrengend. Selbst für einen, der seit fünf Tagen beim Grand-Slam-Beachvolleyballturnier in Berlin den Platzsprecher macht. Außerdem musste er auch noch gegen die Rockmusik anschreien, die aus Boxen dröhnte und die „Deutschland, Deutschland“-Rufe, die von den Tribünen schallten. Unten aber, auf dem Sand, stand einer, der aussah, als würde ihn im Moment nichts erreichen. Kein Gebrüll, keine Rockmusik. Jonas Reckermann hatte den gesenkten Kopf gegen seine Fäuste gedrückt. Wie in Zeitlupe schüttelte er den Kopf, wie in Zeitlupe schob er sich über den Sand. Ein paar Meter weiter hatte sich Markus Dieckmann vor der Tribüne aufgebaut, dort, wo Jürgen Wagner saß. Er streckte Wagner einen Zeigefinger entgegen Diese Sensation, sagte die Geste, die ist auch dein Verdienst. Wagner ist der Trainer des Duos Dieckmann/Reckermann.

Dieses Duo hatte gerade das Grand-Slam-Turnier gewonnen, 2:1 gegen die Schweizer Paul und Martin Laciga. Der erste Grand-Slam-Sieg ihrer Karriere. Der erste Grand-Slam-Sieg eines deutschen Duos überhaupt. Sie hatten 43 000 Dollar gewonnen. Später würde Dieckmann sagen: „Das ist für uns ein Höhepunkt. Wir sind sehr glücklich.“

Sie sind noch viel mehr. Dieckmann/Reckermann sind derzeit die wichtigsten Darsteller im deutschen Beachvolleyball. Sie bilden die nationalen Gesichter der Sportart. Sie sorgen dafür, dass Fans, Medien und Sponsoren das Sandspiel weiterhin mit Namen verbinden. Bisher lauteten diese Namen Axel Hager und Jörg Ahmann. Sie standen für Beachvolleyball seit ihrer Bronzemedaille bei Olympia 2000. Aber Ahmann/Hager hören auf. Eine Lücke hinterlassen sie nicht.

„Dieckmann/Reckermann sind die Identifikationsfiguren im Beachvolleyball“, sagt Klaus Wegener, Chefredakteur des „Volleyball-Magazins“. Er sieht das auch an der Post, die seine Redaktion erhält. Die Leser stimmen gerade über den Beachvolleyballer 2004 ab. „Jonas und Markus führen klar“, sagt Wegener. Reckermann war schon 2002 und 2003 Beach-Volleyballer des Jahres. Dieckmann/Reckermann standen in diesem Jahr vier Mal in einem Grand-Slam-Finale. Vor 14 Tagen wurden sie Europameister, zum zweiten Mal nach 2002.

Es ist eine Mischung, die sie heraushebt. Sie haben Erfolg. Sie bieten spektakuläre Aktionen. Sie arbeiten hoch professionell. Vor allem aber: Sie sind Typen, sie haben Ausstrahlung. Dieckmann ist aggressiv auf dem Platz, er redet ständig, er kann fluchen wie ein Hauptfeldwebel. Als er noch mit seinem Bruder Christoph spielte, überschüttete er den anderen mit Schimpfwörtern. Reckermann ist ein ruhiger Typ, der durch seine Coolness einschüchternd wirken kann. Sie kommen genau so gut aus, dass sie den Streit ohne persönliche Verletzungen führen. „Wir sind keine dicken Freunde“, sagt Dieckmann, „aber wir verstehen uns.“ Mit seinem Bruder ging es irgendwann nicht mehr. Die beiden gingen aufeinander los wie wilde Stiere. Seit 2001 spielt Markus Dieckmann deshalb mit Reckermann. Der Wechsel hat sich gelohnt. Die beiden haben acht Sponsorenverträge und 2003 rund 100 000 Dollar Preisgeld verdient. Trotzdem studieren beide. Dieckmann Betriebswirtschaft im 17. Semester, Reckermann auf Lehramt.

Aber sie sind erst 25 (Reckermann) beziehungsweise 28, sie sind für den Deutschen Volleyball-Verband (DVV) eine feste Größe. Werner von Moltke jedenfalls, der DVV-Chef, rechnet mit einer Medaille der beiden in Athen. Medaille? Da lehnt sich Dieckmann zurück und sagt gedehnt: „Gold ist wohl an die Brasilianer Santos und Rigo vergeben.“ Auch wenn die Weltmeister überraschend das Finale verpasst hatten. „Und dahinter kommen acht Teams, die um Medaillen kämpfen.“

Die Redaktion von „Beckmann“ hat schon angefragt, ob Dieckmann mit Reckermann in Athen vorbeischauen würde. Der Talkmaster hat ein Studio bei den Olympischen Spielen. Bisher wollte Beckmann vor allem „über die Brüder-Nummer reden, auch wenn die alt ist“ (Dieckmann). Gut möglich aber, dass der Talkmaster doch auf aktuellen Sport umschwenkt. Kann ja sein, dass Dieckmann auch in Athen mit dem Finger auf Wagner zeigt. Bevor er eine Medaille umgehängt bekommt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar