Sport : Ein Stern verblasst

Mailands Stürmer Andrej Schewtschenko erlebt die erste Krise seiner Karriere

Vincenzo delle Donne[Udine]

Es gibt ein Foto von Andrej Schewtschenko, das ihn vermutlich genau im Zenit seines Lebens zeigt. Das Bild zeigt einen strahlenden ukrainischen Fußballer, der seine schöne Ehefrau Kristin, seinen jüngst geborenen Sohn Jordan und den Goldenen Fußball, die Trophäe für Italiens Spieler des Jahres, in den Armen hält. Andrej Schewtschenko auf dem Gipfel. Das war vor ein paar Monaten.

Inzwischen hat der 28 Jahre alte Stürmer des AC Mailand die Erfahrung machen müssen, dass nach dem Gipfel der Abstieg kaum zu vermeiden ist. In sportlicher Hinsicht zumindest traf Schewtschenko unvermittelt eine Pechsträhne, die beim Champions-League-Finale gegen Liverpool begann. Im Elfmeterschießen vergab er, und Milan verlor das Finale nach einer klaren 3:0-Führung noch. Seitdem hat der ukrainische Superstar ein wenig von seiner Strahlkraft eingebüßt.

Zunächst wollte ihm Trainer Carlo Ancelotti keinen Stammplatz für die am heutigen Sonntag beginnende Saison garantieren. Schewtschenko war verärgert und drohte mit einem Wechsel zum FC Chelsea. Der russische Fußballmagnat und „gute Freund“ Roman Abramowitsch, unterbreitete ihm auch prompt ein Angebot. Schewtschenko zeigte sich angetan, konnte sich aber nicht zu einer Entscheidung durchringen. Tatsächlich gab es wohl erhebliche Differenzen, sowohl was die Ablösesumme als auch was die Gage betraf. Schließlich reagierte Milans Klubführung und setzte Schewtschenko durch die Verpflichtung von Nationalstürmer Christian Vieri und Stürmertalent Alberto Gilardino zwei starke Konkurrenten vor die Nase. Für Schewtschenko war das ein klares Signal, dass für ihn kein Platz mehr in der Stammformation ist. Außerdem harmonierten die Neueinkäufe Vieri und Gilardino blendend, wie die ersten Testspiele zeigten.

In der Saisonvorbereitung eskalierte Schewtschenkos gespanntes Verhältnis zu Trainer Ancelotti. Vor laufenden Fernsehkameras lieferten sich beide einen verbalen Schlagabtausch. Zwar versöhnten sie sich offiziell kurze Zeit später ebenfalls via Fernsehen. Doch die Differenzen zwischen Schewtschenko und dem 46 Jahre alten Erfolgstrainer bestanden weiter. „Er regt sich immer wieder auf, weil ich ihn auswechsele“, beklagte Ancelotti, der zudem nicht müde wurde, Vieris Trainingsfleiß zu loben. „Vieri ist sehr ehrgeizig und überträgt seinen Ehrgeiz auf die Teamkollegen. Ich bin mit ihm sehr zufrieden.“

Ein klärendes Gespräch zwischen Schewtschenko und Ancelotti schien lange Zeit nicht möglich. Das gespannte Verhältnis drohte gar, größeres Unheil anzurichten und die Mission Meisterschaft zu gefährden. Der Klubbesitzer Silvio Berlusconi fühlte sich persönlich dazu genötigt, schlichtend einzugreifen. Der Ministerpräsident zitierte beide in sein sardisches Sommerdomizil und schwor sie auf eine Zusammenarbeit ein. Außerdem rang er Schewtschenko die Einwilligung zu einer Rotation in Milans Sturm ab. Offensichtlich trat Berlusconi dabei so überzeugend auf, dass Schewtschenko ihn bat, bei der Taufe seines Sohnes Pate zu stehen. Berlusconi sagte zu und versprach Schewtschenko im Gegenzug: „Du wirst nur dann Milan verlassen, wenn du deine Karriere beendest!“ Es scheint also, als habe Schewtschenko noch einen anderen Weg nach dem Gipfel gefunden als den direkten Abstieg. Wäre da nicht noch eine Kleinigkeit: Silvio Berlusconi eilt der Ruf voraus, dass er nicht gerade oft zu seinem Wort steht.

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