Sport : Ein stolzer Waliser

Ryan Giggs hat nie bereut, für sein Land zu spielen

Raphael Honigstein[London]

Im Sommer 1989 war Ryan Wilson der beste junge Fußballer Englands. Der 15-Jährige führte die Schüler-Nationalmannschaft als Kapitän zu einem 5:0 im vom Bürgerkrieg geplagten Nordirland und zu Siegen gegen Frankreich, Holland und Belgien. Beim 2:0 gegen Deutschlands Schülerauswahl in Birmingham schoss er ein Tor, es war sein letztes für England. Nie wieder trug er seitdem das weiße Trikot mit den drei Löwen.

Es gibt viele solche Wilsons auf der Welt. Nicht wenige Nachwuchstalente verlieren nach dem Stimmbruch ihr Talent oder entdecken andere Interessen jenseits des grünen Rasens; sie werden aus tausend verschiedenen Gründen nicht zum Profi, schöpfen nie ihr Potenzial aus. Aber bei dem flinken Flügelstürmer aus Manchester lag der Fall anders, er begegnete seinen Nationalmannschaftskollegen schon im Jahr darauf auf dem Spielfeld wieder. Allerdings trug er da schon einen anderen Namen und ein anderes Trikot: aus Ryan Wilson war in der Zwischenzeit Ryan Giggs geworden, der Kapitän der walisischen U16.

Einst ging die Legende um, der Teenager Giggs hätte sich nach der Scheidung seiner Eltern bewusst für den Namen und das Land seiner Mutter entschieden. Das stimmt nur zur Hälfte. Zu seinem Vater Danny Giggs, einem ehemaligen Rugbyprofi, hatte Ryan lange in der Tat kein Verhältnis, aber der Mann ist wie die Mutter Waliser. Dem in Cardiff geborenen Giggs blieb als Schüler nur nichts anderes übrig, als für England zu spielen, weil die Familie in den englischen Nordwesten gezogen war und für die Auswahl der Ort der Schule entscheidend war. „Es war immer klar für mich, dass ich für Wales spielen würde“, sagt Giggs.

Schon mit 17 gab er sein Debüt in der A-Nationalmannschaft, er wurde beim 1:4 gegen Deutschland 1991 in Nürnberg kurz vor Schluss eingewechselt. 48 Mal hat er seitdem das rote Jersey tragen dürfen, nur konnte er seine Fähigkeiten nie bei einem großen Turnier zeigen.

Für Giggs, der bei Manchester United alles gewonnen hat, ist die WM 2006 die letzte Chance. Er ist fast 31. Immer wieder wollten sie in England von ihm wissen, ob er seine Entscheidung nicht bereue. „Es ist die Frage, die mich in meiner Karriere am meisten genervt hat“, sagt Giggs. England, das weder einen Linksfuß noch einen offensiven Mittelfeldspieler von der Qualität eines Giggs in den eigenen Reihen hat, hätte ihn mit seinen unwiderstehlichen Flügelläufen und feinen Soli gut brauchen können. Und Giggs wäre im englischen Team wohl ein echter Superstar und Weltfußballer geworden. So blieb er der Nachfolger von George Best; Uniteds hochtalentierter Nordire wurde auch nur auf der Insel berühmt.

Viele kleine Verletzungen in den vergangenen drei Jahren haben ihn langsamer und weniger torgefährlich gemacht, sein Spiel ist weniger spektakulär, er muss mit seinen Kräften haushalten. Trotzdem fürchteten ihn die Engländer vor dem WM-Qualifikationsspiel in Old Trafford wie keinen Zweiten. (Das Spiel war bei Redaktionsschluss noch nicht beendet.) Wales ist nach zwei Unentschieden gegen Aserbaidschan und Nordirland schlecht in die Qualifikation gestartet und stand unter Druck.

„Wenn wir die Qualifikation für Deutschland 2006 nicht schaffen, habe ich in meiner Länderspielkarriere wohl versagt“, weiß Ryan Giggs. Er, der beste englische Flügelspieler, den es nie gab, will nicht bald einer dieser Spieler sein, die nur noch die Vergangenheit vor sich haben.

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