Sport : Ein Stück Folklore

Hollands größte Gegner waren schon immer im eigenen Land zu finden

Stefan Hermanns[Albufeira]

Die Frage klang harmlos: Ob er die Spiele vom Vortag gesehen habe, wollte ein Journalist von Dick Advocaat wissen. Ja, sagte der Trainer der holländischen Nationalmannschaft, die Partie Spanien gegen Russland habe er sich sogar im Stadion angeschaut. Und was er zu den beiden spanischen Außenstürmern Vicente und Etxeberria sage. Advocaat sagte, man habe gesehen, dass die Spanier einen Mann zu wenig im Mittelfeld gehabt hätten. Es war nicht die Antwort, die sich die holländischen Journalisten erhofft hatten.

Das Bemerkenswerte ist, dass sich Dick Advocaat kurz vor dem Spiel gegen die Deutschen immer noch mit der leidigen Systemfrage beschäftigen muss. Offensichtlich reicht es nicht, dass er sein Experiment mit vier Spielern im Mittelfeld und zwei Mittelstürmern für beendet erklärt hat; jetzt scheint es, als müsse er seiner Idee auch noch öffentlich abschwören. Advocaat wird das nicht tun – weil er objektiv Recht hatte: Weil viele europäische Spitzenteams ihre vier Mittelfeldspieler in der Form einer Raute verteilen, wie auch der Bondscoach das wollte. Und weil Advocaat mehr gute Mittelstürmer zur Verfügung stehen als Außenstürmer.

Das Festhalten am 4-3-3-System mit zwei Außenstürmern ist in Holland längst zu einem Stück Folklore verkommen. Man spielt es, weil man es immer gespielt hat und weil die Fußballer von klein auf nichts anderes gelernt haben. Wenn sie aber aus der beschaulichen Ehrendivision zu einem europäischen Spitzenklub wechseln, bereitet ihnen die Umstellung auf andere Systeme seltsamerweise überhaupt keine Probleme. Die aktuelle Diskussion ist der wer-weiß-wievielte Ausdruck eines Hangs zur Selbstzerstörung, der Hollands Team immer wieder um mögliche Triumphe gebracht hat. Außer der Europameisterschaft 1988 hat das kleine Land mit den großen Fußballern keinen Titel gewonnen. Für die WM vor zwei Jahren war Oranje nicht einmal qualifiziert.

Das holländische Publikum traut seiner Nationalmannschaft alles zu – Gutes und Schlechtes. Im Herbst, rund um die beiden entscheidenden Qualifikationsspiele gegen Schottland, sahen sich die Nationalspieler einer skeptischen bis feindlichen Atmosphäre ausgesetzt. Als die Medien am Tag nach der 0:1-Niederlage in Schottland berichteten, die Spieler hätten bis früh in den Morgen in einer Nobeldisko gefeiert, zweifelte niemand am Wahrheitsgehalt dieser Falschmeldung. Drei Tage später gewann Holland 6:0 und war eigentlich schon wieder Europameister.

Die Selbstüberschätzung rührt aus einem Überlegenheitsgefühl, das sich wiederum aus dem Hang zum schönen Spiel speist. Johan Cruyff, der beste holländische Fußballer aller Zeiten, sagt über das verlorene WM-Finale von 1974: „Ich fühle mich immer noch als Gewinner.“ Weil die Holländer den schöneren Fußball gespielt hätten als die Deutschen. In ihren idealtypischen Ausführungen stehen der deutsche und der holländische Fußball für zwei entgegengesetzte Ideen: Effizienz auf der einen Seite, Eleganz auf der anderen. Dass die Deutschen nur für den Erfolg spielen, verfolgen die Holländer mit einer Art Abscheu. Den Deutschen ist das egal. Solange sie gewinnen.

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