Sport : Ein Sturm wütet durch Lemgo

Der einstige Spitzenklub steckt tief in der Krise.

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Gestern ein König. Volker Zerbe arbeitete 26 Jahre für den TBV Lemgo. Nun klagt der Klub gegen seinen ehemaligen Manager. Foto: Reuters
Gestern ein König. Volker Zerbe arbeitete 26 Jahre für den TBV Lemgo. Nun klagt der Klub gegen seinen ehemaligen Manager. Foto:...Foto: REUTERS

Berlin - Die vermeintliche Lösung lag im Land der Mitte, zumindest war es ein Lösungsansatz. Als sich der TBV Lemgo im Sommer als erster Handball-Bundesligist überhaupt auf einen Trip nach China begab, hatten die Verantwortlichen vor allem eines im Sinn: Sie wollten auf dem gigantischen Sport- und Werbemarkt neue Geldgeber akquirieren. Der Traditionsverein aus Ostwestfalen stand, wie sich wenig später herausstellen sollte, kurz vor der Insolvenz, 1,4 Millionen Euro fehlten zu einem ausgeglichenen Etat. Trotzdem lächelten die Lemgoer Spieler, die freiwillig Gehaltseinbußen hinnahmen, während ihrer achttägigen Reise mit Manager Volker Zerbe um die Wette. Eben ein PR-Trip.

In der Retrospektive wirken die Bilder aus dem Juli 2011 wie ein verzweifelter Versuch, die Situation zu beschwichtigen. Der TBV Lemgo steckt in einer schweren Krise. Sportlich, wirtschaftlich und was das Renommee betrifft. Höhepunkt der negativen Entwicklungen war die Trennung von Geschäftsführer Fynn Holpert, gegen den die Staatsanwaltschaft Detmold wegen des Verdachts der Urkundenfälschung und des versuchten Betruges ermittelt. An jenem 13. September hatte der Verein zudem Strafanzeige gegen seinen Manager Volker Zerbe gestellt. Der Beirat des Klubs habe „im Rahmen intensiver Überprüfungen Ungereimtheiten“ festgestellt. Zerbe soll in den zurückliegenden zwei Geschäftsjahren einen finanziellen Schaden im sechsstelligen Bereich angerichtet haben. Der 284-fache deutsche Nationalspieler, der von 1986 bis 2006 das TBV-Trikot trug, äußert sich zu den Vorwürfen nicht. Über seinen Anwalt ließ er lediglich mitteilen, er habe sich „keinen Cent in die eigene Tasche gesteckt“.

Im beschaulichen Lemgo mit seinen 40 000 Einwohnern ist der Rechtsstreit zwischen dem Verein und der Vereinsikone seither das dominierende Thema. „Wir haben turbulente Wochen hinter uns“, sagt Christian Sprdlik, der die Geschäfte beim Bundesligisten interimsmäßig führt. Der 33-Jährige räumt ein: „Über uns ist ein Sturm hinweggefegt, der es für alle Beteiligten schwermacht, sich auf das Sportliche zu konzentrieren.“ Dabei hätten die Lemgoer damit schon genug zu tun. Mit 4:10 Punkten findet sich das Team von Trainer Dirk Beuchler im unteren Tabellendrittel wieder.

Die glorreichen Zeiten des Klubs, der zu Beginn des Jahrtausends die halbe deutsche Nationalmannschaft beschäftigte, sind vorbei. Damals revolutionierte die Mannschaft das Spiel mit der Einführung der schnellen Mitte als permanentes taktisches Mittel, beim Gewinn der Deutschen Meisterschaft 2003 stellte sie einen Startrekord auf, den erst der famose THW Kiel in der abgelaufenen Saison brach. Sprdlik gibt zu: „Die Marke TBV Lemgo ist angekratzt. Deshalb müssen wir geschlossen daran arbeiten, die Situation zum Besseren zu wenden.“ Sprdlik sagt das nicht nur so daher, sondern aus Überzeugung. Schließlich ist er mit Ausnahme einer dreijährigen Unterbrechung seit 1988 im Verein, „der TBV ist eine Herzensangelegenheit für mich“.

Zum Glück für den Traditionsklub geht das vielen Menschen in der Region Ostwestfalen-Lippe so. Der Zuspruch, den der Klub trotz aller Schlagzeilen erfährt, ist ungebrochen. „Die Fans stehen hinter uns“, sagt Sprdlik. „So bitter die letzten Monate auch waren - darauf können wir uns verlassen.“ Christoph Dach

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