Sport : Ein Tag Urlaub ist genug

Felix Meininghaus

Es ist schon verrückt, welch überraschende Wendungen das Leben manchmal bereit hält. Vor allem, wenn man als Fußballtrainer sein Geld verdient. Wer sollte das besser wissen als Peter Neururer, der schon bei zehn Arbeitgebern in den Himmel gehoben und vor die Tür gesetzt wurde. Neulich wurde der 46-Jährige in einem Interview mit dem ostwestfälischen Magazin "footb.owl" gefragt, ob er beim Zweitligisten Ahlen eine Institution werden könne, wie der Fußball-Lehrer Volker Finke in Freiburg. "Normalerweise", sagte Neururer, "bist Du schon entlassen, bevor Du die Weichen gestellt hast." Neururer hatte keine Ahnung, wie schnell ihn diese Erkenntnis einholen würde. Dieser Tage sollte sein Vertrag in Ahlen verlängern werden. Doch dann erreichte den Trainer die fristlose Beurlaubung.

Was Spieler Matthias Hamann als "sensationell überraschend" einstufte, traf den Trainer "wie ein Hammer". So wie damals, "als sie mich auf Schalke über Nacht gefeuert haben, obwohl ich Tabellenführer war". Als Begründung gab Ahlens Vizepräsident Heinz-Jürgen Gosda "die sportliche Talfahrt der letzten Wochen", zu Protokoll: "Wir glauben nicht mehr, dass Herr Neururer den Hebel noch einmal umlegen kann." Im Klartext: Rausschmiss wegen Erfolglosigkeit.

Als Neururer im September 2000 in Ahlen als Nachfolger des glücklosen Franz-Josef Tenhagen seinen Dienst antrat, rangierte der damalige Aufsteiger mit einem Punkt am Tabellenende. Seitdem hat Neururer in 42 Spielen 73 Punkte verbucht. Eine bessere Bilanz hat in den vergangenen 15 Monaten kein Zweitliga-Trainer vorzuweisen. Neururer führte den Emporkömmling aus dem westfälischen Niemandsland in die Nähe der Aufstiegsränge. Derzeit rangiert der erst 1996 durch eine Fusion entstandene Klub aus der Kleinstadt (60 000 Einwohner) im gesicherten Mittelfeld. Am fehlenden Erfolg kann es also nicht gelegen haben, dass Neururer in Ahlen durchfiel. Auch für das von Aufsichtsrats-Chef Rainer Kaderka hervorgekramte Argument, zwischen Neururer und der Mannschaft habe es nicht mehr gestimmt, lassen sich schwerlich Belege finden. "Ich hatte immer ein super Verhältnis zum Trainer", sagt Hamann, und Kollege Dirk Schuster kann es "klar verneinen, dass unser Verhältnis zu ihm gespannt oder gar zerrüttet gewesen sein soll". Die wahren Gründe für den Rausschmiss liegen nicht auf dem Rasen, sondern auf dem Feld persönlicher Eitelkeiten und Animositäten. Der Aufstieg des Vereins hängt eng mit der Person Helmut Spikker zusammen. Der 42-jährige Parfümfabrikant ist Präsident und Hauptsponsor. Seit der ehemalige Spieler 1992 den in der Bezirksliga dümpelnden TuS Ahlen übernahm und die Fusion mit dem Lokalrivalen Blau-Weiß realisierte, ging es steil nach oben. Der Mann, dessen Parfümimperium mit dem Slogan "The World of Beauty & Success" beworben wird, ist noch immer der starke Mann bei LR Ahlen. Als Alleinunterhalter fungiert er indes nicht mehr. Mit den gestiegenen finanziellen Anforderungen ist der Einfluss der Fraktion um Vizepräsident Gosda und dem Aufsichtsrats-Vorsitzenden Kaderka gestiegen. Für Neururer war jedoch immer nur der ihm freundschaftlich verbundene Spikker als Ansprechpartner relevant. Der Trainer, der kompromisslos nach dem Credo "ich sage, was ich denke und tue, was ich für richtig halte" lebt, beschäftigte sich nicht weiter mit der Mannschaft hinter dem Präsidenten, "weil ich hier nicht als Leiter des diplomatischen Dienstes angestellt bin". Ein schwerer taktischer Fehler. Der Trainer hat die Macht der zweiten Reihe unterschätzt.

Nach der Niederlage in Schweinfurt machte die Front der Kritiker vehement Stimmung gegen Neururer und setzte dessen Absetzung durch. Nachfolger Uwe Rapolder, der vor drei Wochen in Mannheim gefeuert worden war, saß bereits am Freitag Abend beim 3:1-Sieg gegen Saarbrücken auf der Bank. Rapolder ist übrigens ein guter Freund von Neururer und wurde auch auf Anraten seines Vorgängers nach Ahlen geholt. "Der Präsident hat mich angerufen und mich gefragt, was ich von ihm halte", erzählt Neururer. Dessen Antwort: "Den solltet ihr nehmen." Sollten den Gerüchten, nach denen die Mannheimer an einer Verpflichtung Neururers interessiert sind, Taten folgen, würde sich der irrsinnige Kreis des Trainer-Verschiebens schließen. Doch ob "Mannheim, Babelsberg, Bochum oder Rostock", für Neururer sind alle Spekulationen "Quatsch, so lange mein Arbeitsverhältnis mit LR Ahlen nicht geklärt ist". Das kann schnell passieren. Morgen fliegt Neururer nach Mallorca, um mit Spikker auf dessen Anwesen über seine Abfindung zu verhandeln. Von einer langen Phase der Untätigkeit geht der Mann nicht aus. "Ein Tag Urlaub", sagt Neururer, "reicht mir vollkommen."

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