Sport : Ein Tag wie im Fluge

Georg Hettich gewinnt sensationell die Goldmedaille in der Nordischen Kombination – Ronny Ackermann belegt nur Platz 18

Benedikt Voigt[Pragelato]

Der gefährlichste Moment wartete auf Georg Hettich um kurz nach 16 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt versuchten die beiden höchsten Funktionäre des Deutschen Skiverbandes (DSV), den Kombinierer im schneeglatten Zielraum des Langlaufstadions von Pragelato auf ihre Schultern zu heben. Obwohl Hettich mit 64 Kilogramm zu den Leichtgewichten zählt, wackelte vor allem Sportdirektor Thomas Pfüller erheblich. Seine Brille verrutschte bei dem gequälten Versuch, für die Fotografen zu lächeln. Als Pfüller und der DSV-Präsident Alfons Hörmann ihre Last endlich wieder zu Boden setzten, hatte Georg Hettich auch dieses Abenteuer erfolgreich überstanden.

Es war der Tag der grandiosen Überraschungen für Georg Hettich. Er, der noch nie zuvor ein Weltcuprennen gewonnen hatte, durfte sich im Zielraum von Pragelato eine Goldmedaille umhängen lassen. „Ich dachte, Olympiasieger gibt’s nur im Fernsehen, jetzt bin ich selber einer“, sagte Hettich. Er hatte nach dem Springen in einem spektakulären 15-KilometerRennen rund 200 Meter vor dem Ziel den Österreicher Felix Gottwald auf Platz zwei verwiesen. „Ich bin sehr überrascht“, sagte er, „bei der letzten Steigung habe ich erstmals daran gedacht, dass ich hier eine Medaille gewinnen könnte.“ Auf Rang drei lief der Norweger Magnus Moan. Der große Favorit Hannu Manninen aus Finnland enttäuschte die Erwartungen und belegte nach einer Schwächephase im Laufen nur Rang neun. „Nach dem Springen habe ich gedacht, dass er das gewinnt“, wunderte sich Bundestrainer Hermann Weinbuch. Sein bisher erfolgreichster Athlet, Doppelweltmeister Ronny Ackermann, verpatzte das Springen und landete nur auf Rang 18. Sebastian Haseney und Björn Kircheisen liefen auf Rang sechs und sieben.

Die große Überraschung aber gelang Georg Hettich. „Nach dem Springen dachten wir, dass vielleicht eine Medaille drin ist“, sagte Weinbuch, „aber dass er das macht, hätte ich nicht gedacht.“ Bislang galt der freundliche Hettich als jemand, der sich zu schnell zufrieden gibt. „Die Entschlossenheit hat ihm gefehlt“, sagt Weinbuch, „man hat ihn immer etwas anschieben müssen.“

Diesmal aber war es anders. Nach einem sehr guten zweiten Sprung auf 104 Meter war Hettich als Erster in die Loipe gegangen. 0,2 Sekunden hinter ihm folgte der Norweger Petter Tande, Manninen lag eine Minute und 38 Sekunden zurück. „Wir haben uns vorher mit den Norwegern abgesprochen, dass die beiden versuchen sollten, zusammen zu laufen“, sagte Weinbuch, „er sollte die Flucht nach vorne antreten.“ Zwölf Kilometer lang funktionierte das gut, zumal die Gruppe der sehr starken Läufer um Manninen nicht zusammenarbeitete. Drei Kilometer vor dem Ziel aber holten die beiden laufstarken Moan und Gottwald die Spitzengruppe ein. „So ein Kraftakt ist gefährlich in dieser Höhe“, sagte Weinbuch. Tatsächlich musste der Norweger Moan dem Tempo bald Tribut zollen und die beiden Führenden ziehen lassen. Schließlich konnte auch der erfahrene Österreicher Gottwald nicht mit Hettichs Endspurt mithalten. „Als Georg angezogen hat, war sofort eine Lücke, das hat mich sehr überrascht“, sagte Weinbuch. Jubelnd überquerte Hettich die Ziellinie.

Ronny Ackermann hingegen konnte sich nicht so richtig freuen. „Ich bin enttäuscht und frustriert“, sagte er. Bereits nach dem Springen hatte der Doppelweltmeister alle Chancen auf eine Medaille vergeben. Nach Flügen auf jeweils 92,5 Metern belegte er nur Rang 26. Mit 3:16 Minuten Rückstand auf Hettich startete er in die Loipe. Ackermann rätselt, warum er in der Anlaufspur vor dem Absprung derzeit durchschnittlich fast einen Stundenkilometer langsamer ist als seine Konkurrenten. „Das ist mein Hauptproblem“, sagte Ackermann. Hettich hingegen wundert sich über seine gute Form. „Springen ist schon komisch“, sagte er, „entweder es läuft oder eben nicht.“

Als bei der Siegerehrung im Langlaufstadion sehr leise die deutsche Hymne erklang, kämpfte der Student der Medizintechnik mit den Tränen. Auf seiner Homepage schreibt Hettich, dass er das letzte Mal geweint habe, als er seine Kontaktlinsen wechseln musste. „Diesen Eintrag werde ich morgen ändern.“

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