Sport : Ein Tausendsassa aus Glücksburg - der Zehnkampf-Olympia-Sieger von Tokio wird 60

Robert Hartmann

Willi Holdorf, der heute sechzig Jahre alt wird, bot bei den Olympischen Spielen in Tokio 1964 die beeindruckendste Vorstellung eines deutschen Athleten. Denn er gewann die Königsdisziplin, den Zehnkampf. Er war mit seiner blassen Haut und dem schon lichten Haupthaar kein Adonis, doch Schein und Sein driften ja oft und gern auseinander. Er hatte die Startnummer 263 erhalten und befand sich damit, ein Fingerzeig, in der Tradition des 100-m-Sprinters Armin Hary, dem vier Jahre vorher in Rom der große Wurf gelungen war. Gleiche Zahl, gleiches Gold. Und Holdorf war, das fiel jetzt auf, in Glückstadt geboren. Wo endete der Zufall und fing die Magie an? Es fiel leicht, abergläubisch zu sein.

Der Holsteiner spielte über 100 m mit 10,7 Sekunden und 400 m mit 48,2 besonders seine Schnelligkeit aus. Aber als er vor der letzten Prüfung, den 1500 m, mit einem eigentlich stabilen Vorsprung von 127 Punkten vor dem Esten Rein Aun führte, hatte sich die Lage plötzlich zugespitzt. Hier war Aun nämlich eindeutig schneller. Aber er verlor nach dem Startschuss die Nerven und ging viel zu flott an. "Wir sind vernünftig geblieben." Holdorf meinte sich und seinen mit ihm verbündeten Kollegen Hans-Joachim Walde, dem dann noch Olympiadritten und späteren Arzt.

"In dem Augenblick, als ich auf die Zielgerade einbog, riss Aun im Ziel die Arme hoch. Da kriegst du ja doch Angst. Deshalb bin ich zu ruckartig angetreten, und auf den letzten fünf Metern wollten die Beine nicht mehr. Jedenfalls bin ich auf Bahn vier angekommen." Mit Beinen, die sich wie Holz anfühlten. "Aber im Kopf war ich klar." Mehr als zwölf Sekunden hatte er nicht herausgerückt, und mit 7887 Punkten betrug sein Vorsprung noch komfortable 45 Punkte.

Im Ziel fingen ihn Aun und auch Horst Beyer auf, der Sechster geworden war. Es war das in Deutschland am meisten veröffentlichte Foto: Während die beiden Gegner ihre Arme um ihn legten, sackte Holdorf in sich zusammen. Es ist nämlich so, dass sich die Zehnkämpfer in der größten Erschöpfung am nächsten sind. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Der gelernte Starkstromelektriker war als Sportler und später auch als Trainer bei Bayer Leverkusen ein hart arbeitender Tausendsassa. Heute arbeitet er als Repräsentant einer Sportartikelfirma.

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