Sport : Ein Team isoliert sich

Discovery ist wegen des unter Dopingverdacht stehenden Basso in der Kritik

Sebastian Moll[New York]

Anscheinend hatte Johan Bruyneel auf seinem Zehn-Stunden-Flug von Texas nach Brüssel die Gelegenheit, sich zu besinnen. Als am Freitag bekannt wurde, dass die Vereinigung der Radprofi-Teams IPCT seine Mannschaft aus ihrem Kreis ausschließen möchte, hatte der Chef der früheren Lance-Armstrong-Equipe Discovery noch barsch reagiert. „Wir haben anscheinend Feinde, aber wir sind bereit, das bis zum Ende auszufechten“, ließ er aus Armstrongs Heimatstadt Austin verlauten, wo Discovery mitsamt seinem neuen Kapitän Ivan Basso zum Training weilte.

Zurück in Belgien klang das jedoch schon ein wenig anders: „Ich bin auf verschiedenen Ebenen wegen der Überlegungen, uns auszuschließen, besorgt. Ich werde sofort das Gespräch mit meinen Kollegen suchen“, sagte er am Dienstag. Ob die Kollegen Sportdirektoren große Lust haben, sich mit Johan Bruyneel zusammenzusetzen, ist fraglich. Denn zuletzt waren sie stinksauer auf den Belgier. Bruyneel hatte im November den Ehrenkodex der Vereinigung gebrochen, indem er Giro-Sieger Ivan Basso anheuerte. Basso steht unter Verdacht, mit dem spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes zusammengearbeitet zu haben. Bjarne Riis, Chef des dänischen CSC Teams, hatte, dem Ethik-Code folgend, Basso, den vielleicht derzeit besten Rennfahrer der Welt, entlassen und fühlte sich verständlicherweise von Discovery hintergangen: „Das Einzelinteresse hat über die kollektive Sorge um die Zukunft des Sports gesiegt“, sagte Riis. Auch der Manager des deutschen Rennstalls Gerolsteiner ist sauer auf Bruyneel. Bruyneel, so Hans-Michael Holczer, habe noch im Herbst bei der Präsentation der Tour de France 2007 der Vereinbarung zugestimmt, keine in die Fuentes-Affäre verstrickten Fahrer zu beschäftigen. Holczer fordert, dass die Rennveranstalter sich ebenfalls gegen Discovery stellen. Der Direktor der Deutschland-Rundfahrt, Kai Rapp, hat sich bereits zu diesem Schritt entschlossen. Holczer hofft, dass die Tour de France und andere Rennen folgen.

Discovery sieht seine Tourteilnahme mit einem möglichen Sieg von Basso jedoch noch lange nicht gefährdet. Die Mannschaft hat als Mitglied der Pro Tour bis einschließlich 2008 die formale Startberechtigung für die Tour und laut Discovery-Manager Bill Stapleton gerade erst die geforderte Dokumentation für das Jahr 2007 beim Radsportverband UCI abgegeben. „Erstens hat uns die IPCT noch nicht ausgeschlossen“, sagt Stapleton. „Es ist lediglich ein Tagesordnungspunkt für die nächste Sitzung am 11. Januar. Darüber hinaus haben Beschlüsse der IPCT keinen Einfluss auf unsere Lizenz. Wir rechnen damit, 2007 den kompletten Rennkalender zu fahren.“ Immerhin ließ Stapleton wissen, dass Discovery an der IPCT-Sitzung teilzunehmen gedenke. In der Vergangenheit hatte Discovery nicht selten Treffen geschwänzt, wie etwa jenes während der vergangenen Tour, als der Ethik-Code der Branche angesichts der Fuentes-Affäre bekräftigt wurde. Der Code wurde ins Leben gerufen, damit sich die Profi-Teams vor Imageschäden schützen können, solange es weder die Sport- noch die Zivilgerichtsbarkeit schaffen, Dopingsünder zu bestrafen. Discovery zieht sich aber bislang auf die Position zurück, dass es ausreiche, sich legal auf sicherem Boden zu bewegen. „Zwei Behörden haben Basso freigesprochen“, sagt Bruyneel. „Warum sollten wir die Arbeit dieser Behörden hinterfragen.“

Ob Bruyneel Basso wieder preisgibt, ist zweifelhaft. Schließlich hat man bei Discovery mit der Strategie, sich auf eine rein juristische Argumentation zurückzuziehen, gute Erfahrungen: Armstrong kam sieben Jahre lang als Tour-de-France–Sieger damit durch, zu bekräftigen, dass es gegen ihn keine Beweise gebe.

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