Sport : Ein Team zerfällt in Einzelteile

Die deutschen Handballer verlieren bei der WM 25:35 gegen Norwegen – Heiner Brand lässt Zukunft offen

 Erik Eggers[Jönköping]
Wie soll man da auch gucken? Die deutsche Nationalmannschaft spielt bei der WM nach desaströsen Auftritten nur noch um Platz elf gegen Argentinien. Foto: dpa
Wie soll man da auch gucken? Die deutsche Nationalmannschaft spielt bei der WM nach desaströsen Auftritten nur noch um Platz elf...Foto: dpa

Die letzten Minuten verbrachte Heiner Brand fast regungslos auf der Bank. Manchmal hob der Bundestrainer noch die Arme, aber meistens saß er einfach nur da und schüttelte den Kopf. Die erhoffte Reaktion war ausgeblieben, noch schlimmer: Es war, als schändeten die Norweger den toten deutschen Handball in der Arena von Jönköping. Nach der historischen 25:35 (13:17)-Niederlage steht die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) mit nur 2:8-Punkten bei der WM in Schweden am Donnerstag im Spiel um Platz elf gegen Argentinien und verzeichnet (abgesehen von der verpassten WM 1997) das schlechteste Resultat in der 73-jährigen WM-Geschichte.

„Für uns war es der zweite bittere Tag hintereinander, Tage, die sehr weh tun“, klagte Brand hinterher mit düsterer Miene. „Mir lag die WM schon im Herbst schwer im Magen. Ich wusste, dass es sehr schwer wird, aber dass das so läuft, kommt auch für mich überraschend.“ Nur der siebte Platz garantiert die Teilnahme an einem Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele 2012. „Natürlich sind wir alle geschockt“, sagte Torwart Johannes Bitter.

Doch schon vor diesem neuerlich desaströsen Auftritt hatte sich die Frage nach Konsequenzen gestellt. Die teils desolate Verfassung der zweitpopulärsten Nationalmannschaft des Landes schreit geradezu nach Veränderungen. Schließlich hat die DHB-Auswahl zum zweiten Mal das selbst gesteckte Ziel verfehlt – denn auch die EM 2010 endete mit dem zehnten Platz enttäuschend. „Es ist unser dauerhafter Anspruch, unter den besten Sechs platziert zu sein“, hat DHB-Vizepräsident Horst Bredemeier in Schweden betont.

Aber es ist nicht die schlechte Platzierung allein, es ist der Auftritt einer Mannschaft, die zum Schluss in ihre Einzelteile auseinanderfiel. Brand hat es nicht geschafft, seinen Kader einzuschwören auf das, was ihn immer ausgemacht hat, auch beim WM-Titel 2007: Teamgeist. Vor diesem Hintergrund blieben eigentlich nur zwei Möglichkeiten, um sich aus dem aktuellen Dilemma zu befreien.

Entweder Heiner Brand tritt zurück, trotz seines bis 2013 laufenden Vertrages. Dafür spricht derzeit einiges, etwa sein Dauerkonflikt mit den großen Vereinen in der Bundesliga. „Solche Gedanken kommen sicherlich immer mal zwischendurch. Ich setze mich mit meiner Situation schon seit längerem auseinander“, sagte er vor einigen Tagen der FAZ. Nach dem gestrigen Spiel ließ er seine Zukunft offen. „Ich werde zunächst mit dem Präsidium sprechen“, sagte Brand sichtlich angeschlagen, „ich brauche erst einmal Abstand.“ Oder der Bundestrainer versucht es nach der WM mit einem personellen Schnitt. Das Verhältnis zu Regisseur Michael Kraus beispielsweise scheint nicht reparabel. Auch Kapitän Pascal Hens ist mit der Rolle als Kapitän überfordert. Viel kann Brand freilich nicht ändern, ihm fehlen die personellen Alternativen.

Alle warten nun auf die Entscheidung des Bundestrainers. Er selbst ist in der komfortablen Situation, dass ihm ein Rauswurf durch den DHB nicht droht, da er mit Bredemeier und DHB-Präsident Ulrich Strombach befreundet ist. Die Sache wird aber sportlich umso komplizierter, da sich die deutsche Mannschaft erst einmal für die EM 2012 in Serbien qualifizieren muss – und hier ist die Lage nach dem Heim-Remis gegen Österreich auch nicht rosig. Bei der EM sind noch zwei, womöglich auch drei weitere Plätze für das Olympia-Qualifikationsturnier zu vergeben.

Sollten die Olympischen Spiele 2012 in London ohne deutsche Beteiligung stattfinden, wäre dies nicht nur geschichtsträchtig, sondern auch gleichbedeutend mit einer drastischen Kürzung der staatlichen Förderung durch den Bund. Das würde den DHB schwer treffen, zumal er aktuell nur über einen jährlichen Etat von rund 5,5 Millionen Euro verfügt. Zum Vergleich: Klubs wie der HSV Hamburg, der THW Kiel oder auch die Rhein Neckar-Löwen kalkulieren mit der doppelten Summe. Was das Finanzielle angeht, ist der DHB also ein kleines Licht im deutschen Handball, und es könnte bald noch kleiner leuchten.

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