Sport : Ein Terrier wie Tyson: Cengiz Koc hofft auf den Sprung zu den Profis

Julia Möhn

Es muss ein vorsichtiges Annähern gewesen sein, vor etwas mehr als zwei Jahren bei den Berliner Boxmeisterschaften. Zu fällen war eine Entscheidung für die nächsten Jahre, verbunden mit einer kompletten Lebensumstellung, Abschied von kurzfristigen Erfolgen und einem ungewissen Ausgang. "Er war plötzlich da", sagt Adolf Angrick. Angrick ist Berliner Landestrainer und wachte zu jener Zeit über einen sehr ausgedünnten Kader: Nach den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta hatten sich sechs Nationalmannschaftsmitglieder zu den Profis verabschiedet, darunter zwei aus Berlin.

Cengiz Koc erschien Angrick da wie ein unverhofftes Geschenk: "Ich habe sein Talent sofort gesehen." Die Talente, die Angrick normalerweise sieht, sind zwischen zehn und zwölf Jahren alt, besuchen eine der Sportschulen Berlins und treten bei Sichtungswettbewerben an. Cengiz Koc war zwanzig Jahre alt, 1,85 Meter groß, über hundert Kilo schwer und Kickbox-Weltmeister. Zugleich Inhaber eines Musikcafés in Kreuzberg und ambitionierter Darsteller in Fernseh- und Kinofilmen. "Mr. Hollywood", nennt Trainer Angrick ihn heute noch gern, wenn ständig das Handy klingelt.

"Ich hatte alles erreicht im Kickboxen", sagt Cengiz. Einige Kollegen aus dem Kickboxen waren gleich Box-Profis geworden, doch "ohne Grundlagen wird man nur ein schlechter Profi", meint er. Sein türkischer Kickbox-Trainer hatte ihn zu dem Besuch bei den Sport-Verwandten überredet. "Der war wie ein Vater für ihn", sagt Angrick und erzählt, wie schwer es war, ein ähnliches Vertrauensverhältnis zu seinem neuen Nachwuchstalent aufzubauen: "Im Kickboxen gibt es viele Verbände, da werden die Jungs schnell irgendein Meister. Im Amateurboxen dauert so etwas viel länger."

Zwei Jahre später hat sich die Arbeit gelohnt: Cengiz Koc wird als einziger Berliner Amateurboxer zu den Olympischen Spielen nach Sydney fahren, als einer der ersten deutschen Boxer hatte er sich letztes Jahr in Istanbul qualifiziert. Der 22-Jährige ist zu einem der Stärksten in der Szene geworden, die ihn zunächst eher ablehnte: "Meine ersten fünf Kämpfe in der Bundesliga habe ich alle verloren. Man kann ruhig sagen, da bin ich beschissen worden." Ein halbes Jahr vor Olympia ist er immer noch unerfahren: Mit unter dreißig Kämpfen wird er gut hundert weniger haben als der Durchschnitts-Boxer in Sydney. Immerhin verzeichnet er Siege über einige der Besten seiner Klasse, darunter den aktuellen Weltmeister Samil San aus der Türkei, der kürzlich sein Profi-Debüt im Hamburger "Universum"-Stall gab.

Der 56-jährige Angrick, bereits in der DDR Auswahl-Trainer, musste seinem Boxer bestimmte Dinge an- und andere abtrainieren: "Cengiz stand anders zum Gegner." Intuitiv immer noch bereit, seine Gegner mit den Füßen zu attackieren. "Etwas unsauber" in der Schlagtechnik, athletisch "verbesserungswürdig" und in der Abwehr "sehr offen". "Ich hatte eine schlechte Beinarbeit", sagt der Boxer selbst, "beim Kickboxen bewegt man sich kaum auf den Gegner zu, mit den Füßen erreicht man ihn auch so." An der fast lebenswichtigen Koordination zwischen Fuß und Faust haben sie am längsten gearbeitet. "Ich bin ein kleiner Mann", sagt Koc selbst, und als Kleiner im Superschwergewicht ist er dringend auf eine gute Deckung angewiesen. Im scheinbaren Größennachteil sieht Angrick einen Vorteil: "Die Großen haben ein Problem mit den Kleinen. Cengiz ist ein Terrier."

Aus den zehn Jahren Kickboxen brachte er Härte und Schlagkraft mit und großes Selbstbewusstsein: "Die Olympischen Spiele werden nicht der Höhepunkt meiner Karriere sein", sagt er. Er sieht Sydney als Sprungbrett zum Profiboxen. Auch Trainer Angrick glaubt an diesen Weg, würde Cengiz Koc aber gern noch vier Jahre im Landesleistungszentrum sehen: "Dann ist er so gut wie die Besten." Im Prinzip hat Angrick nichts gegen die Ambitionen seines Schülers. Als der Name Mike Tyson fällt, sagt er: "Das haben Sie gesagt, aber so kann das aussehen bei relativ kleinen Schwergewichtlern."

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