Sport : Ein teurer Neuer

Der starke Auftritt des Torhüters in der Champions League schwächt Bayerns Position im Transferpoker

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Den Sir beeindruckt. Mit mehreren großartigen Paraden brachte Schalkes Torhüter Manuel Neuer im Champions-League-Halbfinale sogar Manchesters Trainer Alex Ferguson zum Staunen. Foto: AFP
Den Sir beeindruckt. Mit mehreren großartigen Paraden brachte Schalkes Torhüter Manuel Neuer im Champions-League-Halbfinale sogar...Foto: AFP

Alex Ferguson war schon auf dem Weg in die Kabine, als ihn wohl das Gefühl beschlich, etwas vergessen zu haben. Der Sir drehte sich um, ging auf Manuel Neuer zu, gab ihm die Hand und klopfte dem Torhüter des FC Schalke 04 zweimal auf die Schulter. Ehre, wem Ehre gebührt. Der Ausdruck in Fergusons Gesicht war in diesem Augenblick nicht zu erkennen. 2:0 hatte seine Mannschaft das Halbfinal-Hinspiel der Champions League in Gelsenkirchen gewonnen, doch möglicherweise ärgerte sich der Trainer von Manchester United darüber, dass ihm irgendwann in der jüngeren Vergangenheit ein schwerer strategischer Fehler unterlaufen sein muss. „Wenn der Ferguson die Bundesliga verfolgt hätte, wäre er früher auf den Trichter gekommen“, sagte Schalkes Verteidiger Christoph Metzelder. Auf den Trichter, dass es sich bei Manuel Neuer um einen Torhüter mit fast übermenschlichen Fähigkeiten handelt. Es ist kein Geheimnis, dass Manchester United in naher Zukunft einen Nachfolger für den inzwischen 40 Jahre alten Edwin van der Sar benötigt. Auch Neuers Name ist in diesem Zusammenhang immer wieder genannt worden, offensichtlich aber ist der deutsche Nationaltorhüter für Ferguson nie eine echte Option gewesen. Auf die Frage, warum er nicht zu Manchester habe wechseln wollen, antwortete Neuer am Dienstagabend: „Weil nie Interesse bestand.“ Interesse von Seiten des Klubs.

Dass das keine besonders weitsichtige Entscheidung war, durften die Verantwortlichen aus Manchester am Dienstag aus nächster Nähe beobachten. Das Halbfinale war eine einseitige Angelegenheit. Die Engländer dominierten den Außenseiter wie eine Schülermannschaft, kamen am Ende als Gast auf 65 Prozent Ballbesitz und ein gutes Dutzend an Torchancen. Das Spiel hätte vermutlich mit einem Desaster für die Schalker geendet, wenn nicht Manuel Neuer bei ihnen im Tor gestanden hätte. Allein in der ersten Halbzeit vereitelte er sieben zum Teil beste Chancen Uniteds. Ob ihm schon einmal in einer derartigen Intensität und Frequenz die Bälle um die Ohren geflogen seien, wurde Neuer nach dem Spiel gefragt. „Ja“, antwortete er, „beim Torschusstraining.“

Der Reflex, mit dem Neuer nach einer halben Stunde einen Kopfball von Ryan Giggs parierte, ließ die Zuschauer ebenso mit offenen Mündern zurück wie seine Rettungstat kurz vor der Pause, erneut gegen Giggs. „Er ist fantastisch“, sagte der Waliser über den Mann, der ihn an den Rand der Verzweiflung getrieben hatte, und Ferguson sprach Neuer ein Lob von geradezu historischem Ausmaß aus: „In meiner Zeit als Trainer habe ich noch nie eine so gute Leistung von einem Torhüter gesehen.“ Für seine Spieler hatte Schalkes Torhüter zur Pause die Statur eines unbezwingbaren Riesen angenommen.

Am Ende war es ein Abseitstreffer des Mexikaners Javier Hernandez zu Beginn der zweiten Halbzeit, der Neuer wieder auf menschliches Format zurückstutzte. Das Tor zählte zwar nicht, aber „es hat meinen Spielern den Glauben zurückgegeben, dass auch Neuer zu bezwingen ist“, sagte Ferguson. Kurz darauf traf Giggs zum 1:0, nur zwei Minuten später Wayne Rooney zum Endstand. Neuer war bei beiden Toren machtlos.

„Im Moment gibt es keinen besseren Torhüter“, sagte Ralf Rangnick, „egal ob in Europa oder wo auch immer.“ Aber das war für Schalkes Trainer keine neue Erkenntnis. Welche Auswirkungen Neuers Auftritt hingegen auf seine unmittelbare berufliche Zukunft haben wird, könnte noch einmal eine spannende Frage werden. Neuer ist sich mit Bayern München bereits einig, der Nationaltorhüter soll einen Vierjahresvertrag erhalten, der nach den Vorstellungen des Rekordmeisters schon am 1. Juli 2011 in Kraft tritt. Die Bereitschaft Schalkes, Neuer bereits im Sommer abzugeben, scheint am Dienstag aber eher gesunken zu sein.

„Warum – in Gottes Namen – sollte man auf die Idee kommen, diesen Spieler gehen zu lassen?“, sagte Manager Horst Heldt unter dem Eindruck des Halbfinales. „Das sind Überlegungen, die sich immer mehr vertiefen.“ Man kann nur darüber spekulieren, ob das echte Entschlossenheit ist oder branchentypische Taktiererei, um noch ein bisschen mehr für Neuer herauszuschlagen. Schalke steht vor der Alternative, in diesem Sommer noch eine stattliche Ablöse von um die 20 Millionen Euro zu erzielen oder den Torhüter in einem Jahr ohne Transferentschädigung gehen zu lassen. In der Regel entscheidet sich ein Verein für das Geld, aber die Schalker haben sich durch ihre jüngsten Erfolge einen neuen finanziellen Spielraum verschafft. Neuers Wert „kann man mit Geld gar nicht beziffern“, sagte Horst Heldt. Für die Bayern hört sich das nicht gut an.

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