Sport : Ein Torwart irrt sich gewaltig

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Von Helmut Schümann

Shizuoka. Am Ende stand David Seaman ziemlich untröstlich auf dem Rasen, die Betreuer fanden auf jeden Fall keinen rechten Zugang zum englischen Torhüter. Der Mann gibt höchst ungern Interviews, vor einem Spiel schon mal gar keine, nach einem Spiel erst recht nicht. Aber was hätte er in diesem Moment auch sagen sollen? Dass sein Stellungsspiel in der fünfzigsten Minute des Viertelfinales seiner Engländer gegen Brasilien äußerst ungewöhnlich war? Ronaldinho hatte keine großen Probleme, den in die Jahre gekommenen Seaman mit leichtem Heber zum 2:1 und zum Siegtor zu überwinden. Was soll man schon sagen, wenn man der Loser des Spiels ist? „Das Wichtigste ist mir, mich bei den Fans zu entschuldigen.“ Der Fußball-Weltverband Fifa höchstselbst hat dieses Statement verbreitet, nicht ohne den Zusatz, David Seaman sei „near tears“ gewesen, den Tränen nahe.

Es war aber auch zum Heulen gewesen, was Engländer und Brasilianer in diesem Klassiker, dem bislang ersten, echten Klassiker bei dieser Weltmeisterschaft, geboten hatten. In einem Spiel, auf das sich alle gefreut hatten und zu dem sie in Scharen und überfüllten Zügen nach Shizuoka, zwei Zugstunden südlich von Tokio, gekommen waren. 47435, um es genau zu sagen. Etwa Dreiviertel davon müssen sich nun überlegen, ob sie David Seamans Entschuldigung annehmen. Denn die Engländer waren deutlich in der Mehrheit.

Dabei hätte sich heute fast ein anderer Spieler bei seinen Fans entschuldigen müssen, ein Brasilianer. Lucio, der schon an der Niederlage seines Klubs Bayer Leverkusens im Champions-League-Finale gegen Real Madrid maßgeblich beteiligt gewesen war, hatte im blauen, und ungewohnten, Trikot Brasiliens erneut eine schwache Sekunde. Von Mehmet Scholl, dem Bayern-Spieler, ist der Satz überliefert, Lucio könne offensiv gar nicht so viel gutmachen, wie er in der Defensive verbocke.

Diesmal war ein Ball des Engländers Emile Heskey auf Lucio zugeflogen. Kein Problem eigentlich, aber Lucio ließ ihn an den Oberschenkel klatschen, wovon er den Weg zu Michael Owen fand. Und der findet das Tor in solchen Situationen eigentlich immer. Daran erinnern sich nicht zuletzt die Deutschen nur ungern. Der brasilianische Torwart Marcos, dessen schlabberiger, grauer Trainingsanzug aussieht, als sei er von Herthas Keeper Gabor Kiraly ausgeliehen, war ohne Chance.

1:0 nach 23 Minuten. Und das war eigentlich auch der Weg, den viele dieser Partie vorher zugeschrieben hatten. Zu wankelmütig war bislang Brasiliens Abwehr aufgetreten, zu leichtgewichtig die bisherigen Gegner gewesen. Doch die Brasilianer der Weltmeisterschaft 2002 sind nicht mehr die allzeit verspielten Gesellen, die sich und den Ball lieben und sonst gar nichts. Früh störten sie die Engländer, verhalten fast bauten sie ihr Spiel auf, nur nicht drängeln, Disziplin fordert ihr Trainer Luiz Felipe Scolari immer, die hat er bekommen. „Ich habe noch nie ein brasilianisches Team gesehen, das mit so viel kämpferischem Einsatz die Nationalfarben vertreten hat“, sagte Scolari.

Und es hat auch noch nie ein brasilianisches Team gegeben, das so voller Tugenden steckt, die man gemeinhin den Deutschen zuschreibt. Denen gegenüber haben die Brasilianer aber einen unschätzbaren Vorteil: Sie können ein-, zweimal im Spiel Dinge machen, die nur sie machen können. Ronaldinho war diesmal zuständig, in der 47. Minute. Wie er Englands Abwehr auseinander riss, sie ausdribbelte – bitte, liebe Kinder, macht das zu Hause nicht nach, denn das könnte zu gefährlich sein und zu Beinverknotungen führen. Den Rest besorgte Rivaldo, der zum 1:1-Ausgleich für die Brasilianer einschoss.

Sven-Göran Eriksson, der englische Trainer aus Schweden, hatte am Ende eine gute Halbzeit seines Teams gesehen, „wir haben gespielt, was unser Job ist, guten Fußball“, aber die Einschätzung teilte kaum einer. Wohl aber Erikssons Analyse des zweiten Abschnittes: „Wir haben zu wenig nach vorne gearbeitet, wir waren müde, und wir haben viel zu wenig aus der Situation elf gegen zehn gemacht.“ Ronaldinho war in der 57. Minute nach allzu hartem Einsatz gegen Danny Mills vom Platz geflogen, in einer Phase, in der die Brasilianer gerade wieder anfangen wollten, verspielt zu spielen. Dann kam der Platzverweis, der schweißt zusammen. Ein Tor vorbereitet, eins geschossen, den Mannschaftsgeist gestärkt – Ronaldinho hat alles richtig gemacht an diesem heißen Nachmittag in Shizuoka. Zu nennenswerten Chancen kamen die Engländer auf jeden Fall nicht mehr.

Ginge es nach Juninho Paulista, dem diesmal pausierenden Dauerläufer im brasilianischen Team, hätte der Platzverweis übrigens nie geschehen dürfen. „Der Schiedsrichter weiß nicht, was für ein Mensch Ronaldinho ist, der geht nicht auf den Platz, um jemanden weh zu tun. Wenn er ihn gekannt hätte, hätte er ihn nicht vom Platz gestellt.“ Soll er sich mal merken, der Felipe Ramos Rizo aus Mexiko.

Traurig waren die Engländer, aber einsichtsvoll, dass sie es selber verbockt haben. Und hoffnungsfroh in die Zukunft blicken sie auch. „Wir sind jung, wir kommen wieder", sagte David Beckham. Vorerst nicht. Vorerst marschiert Brasilien, im Halbfinale warten Senegalesen oder warten Türken. Passieren kann nichts, das hat Trainer Scolari versprochen: „Ich möchte noch letzte Worte an das Volk von Brasilien richten. Glaubt. Glaubt, weil wir noch viel mehr machen können.“ Nicht nur Brasilien, da könnten alle Mannschaften etwas mehr tun.

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