Sport : Ein Torwart wird gefeiert

Dank Lehmann kommt Arsenal gegen Real weiter

Raphael Honigstein

London - Die alte Art-Deco-Tribüne wackelte bedenklich, tausende Männer ruinierten ihre Stimmbänder, wedelten wild mit den Armen, reckten Fäuste in die Höhe. Ein regelrechter Fieberwahn hatte die Besucher im Highbury befallen; noch lange nach Ende der Vorstellung war der kollektive Wille, den unrühmlichen Stadion-Spitznamen „the library“ („die Bibliothek“ – weil es dort oft so leise ist) ein für alle Mal ad absurdum zu führen, ungebrochen. „Lehmann, Lehmann, Lehmann, Lehmann“, tobten die Ränge, das hatte man in London so noch nicht gehört. Der Held des Abends war gefunden.

„Dafür lebt man als Fußballer“, sagte der Gefeierte und erlaubte sich, einen Moment lang, ergriffen zu sein. „Diese Atmosphäre, diese Leidenschaft ...“ Ach, die Worte fehlten. Nur schwer zu beschreiben waren vor allem die Geschehnisse in der 60. Minute gewesen. Madrids Kapitän Raúl hatte einen scharfen Ball an den rechten Pfosten des Tores von Jens Lehmann gesetzt. Das Leder sprang ihm wieder vor die Füße, der Torhüter lag irgendwo am Boden. Der Spanier schoss auf den völlig verwaisten Kasten – und sah, wie Lehmanns rechte Hand den Ball zur Ecke abwehrte. „Die Situation kann man nicht erklären“, sagte der Deutsche, „ich war nicht im Tor und dann war ich irgendwie wieder zurück. Raúl hat den Ball nicht richtig getroffen. Das gab mir die Chance, ihn zu halten“.

„Diese sensationelle Parade von Jens war der Wendepunkt des Spiels“, sagte Thierry Henry, der im Hinspiel in Madrid den 1:0-Siegtreffer erzielt hatte. Diese Feststellung von Henry war angesichts des Endresultats – 0:0 – faktisch nicht ganz korrekt, im übertragenen Sinne jedoch natürlich richtig. Ein Torwart ist öfter der beste Mann auf dem Platz, wenn das Spiel torlos ausgeht. Selten aber war ein 0:0 so Atem beraubend.

Und Jens Lehmann war in drei Jahren bei Arsenal sicher nie besser. Die Heimmannschaft hatte bedingungslos gekämpft, begeisternd gekontert, tolle Torgelegenheiten kreiert – ohne die heroischen Taten des „deutschen Kunstturners in Handschuhen“ (Daily Telegraph) wäre wahrscheinlich alles umsonst gewesen.

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