Sport : Ein Trainer für zwei Rivalen

Ernst Podeswa

Eiskunstläufer sind Sportler und Künstler zugleich. Muskeln und Kreislauf sind ebenso gefragt wie Körpersprache und musikalische Interpretation. Diese Konstellation erleichtert den täglichen Umgang mit ihnen nicht unbedingt. "Schwierig sind sie alle, die Läufer", sagt Knut Schubert. "Schwierig, aber sympathisch." Der 43-jährige Trainer vom SC Berlin spricht vorsichtig und abwägend, wie ein Diplomat. Zwei Tage vor den 100. Deutschen Meisterschaften im Weddinger Erika-Heß-Eisstadion wird ihm mal wieder bewusst, welch schwierigen Job gerade er hat. Knut Schubert betreut die beiden Paare, die als schärfste Konkurrenten im Kampf um eine Fahrkarte der deutschen Eislauf-Union (DEU) zu den Olympischen Winterspielen angesehen werden.

Das sind auf der einen Seite Mariana Kautz (21) und Norman Jeschke (22), auf der anderen Sarah Jentgens (19) und Mirko Müller (27). Beide Paare gehören dem SC Berlin an, beide trainieren bei Knut Schubert. Die jüngeren Kautz/Jeschke starten morgen als Favoriten. Seit 1998 laufen sie zusammen, bei der Olympiaqualifikation in Zagreb sicherten sie Deutschland einen Startplatz bei den Winterspielen im kommenden Februar in Salt Lake City. Wer diesen Platz in Anspruch nimmt, wird bei der EM im Januar in Lausanne entschieden. Dort sind die beiden besten Paare der Deutschen Meisterschaften zugelassen. Wer bei Olympia laufen will, muss laut Vorgabe des NOK mindestens EM-Rang acht schaffen. Kautz/Jeschke waren in den vergangenen beiden Jahren jeweils Neunte.

Für Mirko Müller wäre Platz acht bis vor anderthalb Jahren ein Spaziergang gewesen. Denn mit Peggy Schwarz hatte er sich in der erweiterten Weltelite etabliert, 1998 wurden die beiden sogar WM-Dritte. Doch die gesundheitlichen Probleme seiner Partnerin verhinderten die erhoffte Konstanz. Und so wagte Müller im August des Vorjahres mit Sarah Jentgens einen neuen Anlauf. Die Kölner Einzelläuferin ist Müllers vierte Partnerin auf dem Eis.

Schubert schätzt an beiden "die Eleganz und den Ausdruck im Laufstil". In Kautz und Jeschke sieht er "mehr das sportliche Paar, mit Tempo und normalerweise robusten Nerven im Wettkampf". Nach seiner Meinung befragt, wer in dem Wettstreit um die Olympiafahrkarte die Nase vorn hat, siegt in Schubert wieder der Diplomat: "Das kann ich erst nach der Kür am Sonntag sagen." Dass er seine Fürsorge gleichmäßig auf zwei Paare zu verteilen hat, betrachtet Schubert als Herausforderung. Für den Vater zweier Töchter, 18 und 15 Jahre alt, sind die vier Eiskunstläufer so etwas wie seine älteren Kinder. "Beide Paare sehen täglich den Leistungsstand der Konkurrenten", sagt Schubert. "Diese Situation ist motivierender und anspornender als alle Trainerworte."

Norman Jeschke erinnert sich noch daran, "dass Mirko Müller mein großes Vorbild war, als er damals WM-Dritter wurde. Heute lerne ich immer noch von ihm - und bin zugleich sportlicher Konkurrent." Wer Deutscher Meister werde oder das Olympiaticket erkämpfe, sei zweitrangig. "Hauptsache es ist jemand aus dem Team Schubert." Der Trainer hat für den Fall der Fälle schon einen prominenten Vergleich parat: "Im Fußball werden ja auch nicht alle bei der WM dabei sein, die bei der Qualifikation gegen die Ukraine mitgeholfen haben."

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