Sport : Ein Tritt ganz ohne Poesie

Oliver Trust

Als die Chartermaschine gegen 21.45 Uhr auf dem Regional-Flugplatz Dortmund aufsetzte, war die Leichtigkeit des 5:1-Sieges dahin. Die Herren in den Klubanzügen der Aktiengesellschaft BVB waren mit schweren Gedanken beschäftigt. Was wird mit Jens Lehmann passieren? Zu Hause schalteten viele Dortmunder Fußball-Profis und -Funktionäre erst einmal den Videorekorder an und ließen die Szene aus der 21. Minute vor- und zurücklaufen. Schöner wurde der Tritt ihres Torhüters gegen den Freiburger Coulibaly dadurch allerdings nicht, die meisten Spieler hatten die Tätlichkeit im Dreisamstadion aber gar nicht gesehen.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes wird wohl Anklage erheben und Lehmann für ein paar Wochen sperren. Wenn er Pech hat sogar bis zum Saisonende, was den Torhüter im schlimmsten Fall die WM-Teilnahme kosten könnte. Lehmann darf als Wiederholungstäter wenig Gnade erwarten. Der Kontrollausschuss-Vorsitzende des DFB, Horst Hilpert, ermittelt bereits. Lehmann und Coulibaly können bis heute Stellungnahmen einreichen, dann entscheidet das DFB-Sportgericht. Genau darum kreisten die Gedanken der Dortmunder. Vielleicht wäre alles nicht so schlimm, gäbe es nicht ausgerechnet jetzt den Endspurt um die Meisterschaft. Dortmund hat einen Punkt Rückstand auf Bayer Leverkusen.

Viele haben sich gefragt, ob Philipp Laux, der seit Monaten nur auf der Ersatzbank hockt, die nötige Klasse besitzt, Lehmann annährend zu vertreten. "Wir haben in Freiburg lange nicht gut gespielt. Lassen Sie die anderen von der Meisterschaft reden, wir tun das nicht", sagte Lars Ricken. Sie tun es natürlich doch. Matthias Sammer will nun mit dem Übeltäter sprechen: "Das muss er mir erklären." Es wird sich so anhören wie schon in Freiburg. Der Spieler habe mit gestrecktem Bein seine Kniescheibe getroffen. "Ich dachte, die ist gebrochen. Ich habe im Affekt getreten. Ich dachte gleich, oh weh, bloß nicht. Ich glaube, ich habe ihn leicht getroffen. Das darf mir nicht passieren, aber er konnte ja weiter machen, dann kann das alles nicht so sehr schlimm gewesen sein", sagte Lehmann. Solche Reden werden ihm nicht viel nützen. Beim Frühstück am nächsten Tag lagen die Zeitungen mit den Bildern seiner Tat auf dem Tisch. Sein grimmiger, aggressiver Gesichtsausdruck in Großaufnahme. "Man muss das auch verstehen, ich werde oft angegangen", sagte er. Beim BVB befürchten sie jetzt "eine Hetzjagd, die schon am Sonntagabend im Fernsehen losging. Arbeiten Sie mal auf, was Oliver Kahn in den letzten Wochen gemacht hat", sagte Pressesprecher Josef Schneck. Für Lehmann könnte das Ganze auch einen Rückschlag in den Verhandlungen mit der Borussia bedeuten. Der Torwart will einen Dreijahresvertrag, den Dortmunder ist das zu lang.

Am Abend des Fehltritts wurden alle Beteiligten von schweren Gedanken geplagt. Schiedsrichter Herbert Fandel stand umringt von vier Bodyguards da wie eine traurige Gestalt. "Das war ein großer Fehler, einer von uns muss das wahrnehmen. Dafür darf es keine Ausrede geben. So etwas müssen wir sehen, dafür sind wir da." Es klang wie ein Geständnis. "Vertrauenswürdige Personen haben mir bestätigt, dass es eine Tätlichkeit war", sagte der Mann aus Kyllburg und senkte sichtbar betroffen den Kopf.

1:5 verloren, da gestattete sich auch Freiburgs Trainer Volker Finke schwere Gedanken. Im Stadionheft hatten sie einen Satz von Friedrich Hölderlin abgedruckt, der so bleiern schwer und hoffnungsvoll zugleich klang, wie Finke in den Minuten nach der Niederlage aussah: "Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Poesie im Abstiegskampf. Die Szene mit Jens Lehmann sei spielentscheidend gewesen, sagte Finke. Die Mannschaft sei stark gefrustet, berichtete er. Das Selbstvertrauen ist weg in Freiburg, die gute Tordifferenz auch. Vieles hört sich nach Verzweiflung und echter Sorge an, auch wenn Finke die Zuschauer lobt, Gemeinsamkeiten herstellen will und dabei selbst fast klingt wie ein Poet: "Die Zuschauer waren behutsam, geradezu pflegend haben sie die Mannschaft auf die nächste Woche vorbereitet." Nächstes Wochenende spielt Freiburg gegen Mönchengladbach. "Bis dahin muss sich etwas drehen", sagte Finke. "Jetzt haben wir alles Schlechte an einem Spieltag gesammelt. Heute haben wir den Kopf verloren. Bis Samstag muss der wieder frei werden." Ob es dazu etwas von Hölderlin gibt?

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