Sport : Ein unfreiwilliger Kronzeuge Dieter Hoeneß und die Kritik an Klinsmann

Stefan Hermanns

Istanbul - In der Fußballmonarchie Deutschland ist Kaiser Franz Beckenbauer nicht nur meinungsbildend. Seine Majestät gibt auch vor, über welche Themen debattiert wird. Meistens passiert das nach Länderspielen, wenn Beckenbauer als Experte des ZDF ausgedehntes Rederecht besitzt. Vor vier Wochen zum Beispiel, nach dem 0:2 in der Slowakei, schwadronierte er über den vermeintlichen Unsinn, dass die deutsche Nationalmannschaft als Gastgeber der WM überhaupt noch auswärts spiele – und schon gab es wieder ein Thema, das tagelang hin- und hergewendet werden konnte.

Es ist ein abstruser Mechanismus. Nach einem Länderspiel eilen Journalisten in den Presseraum, stellen sich um den Fernseher und notieren, was Beckenbauer schimpft. Sie wissen dann, mit welchem Sujet sie sich in den nächsten Tagen beschäftigen. Am Samstag, nach dem 1:2 in der Türkei, sagte Beckenbauer: „Es beginnt ein leichtes Grummeln aus der Bundesliga.“ Was bisher eher angedeutet wurde, ist durch Beckenbauers Intervention nunmehr verbürgt: Die Liga hadert mit Jürgen Klinsmann. Beckenbauer kritisierte, dass der Bundestrainer zu viel auf eigene Faust handle, nicht mit seinen Kollegen aus der Bundesliga rede und damit erst den Unmut schaffe.

Unter anderem berief sich Beckenbauer auf ein Gespräch mit Dieter Hoeneß, dem Manager von Hertha BSC, der als Mitglied der so genannten Task Force, einer Art Eingreiftruppe von Bundesliga-Managern, zum Länderspiel nach Istanbul gereist war und am Vorabend zwei Stunden mit Klinsmann geredet hatte. Hoeneß war es sichtlich unangenehm, dass er von Beckenbauer als Kronzeuge vereinnahmt worden war. Bisher hat er sich immer als Unterstützer von Klinsmann positioniert, und er will dies auch beibehalten. „Vieles, was er macht, hat Hand und Fuß“, sagte Hoeneß nach dem Spiel in Istanbul über Klinsmann. Zu Beckenbauers konkreter Kritik wollte Hoeneß nichts sagen. Er selbst hatte sich vor allem über die konzeptionelle Arbeit des Bundestrainers stets lobend geäußert und diese Meinung gestern noch einmal bekräftigt.

Klinsmann selbst behauptet immer wieder, Ratschläge seien ihm jederzeit willkommen, die Öffentlichkeit hört jedoch bei dieser Aussage offenbar längst den Nachsatz mit: Wir werden sie aber nicht befolgen. Der Bundestrainer hat auch weiterhin nicht vor, nach Deutschland zu ziehen, die Torhüterrotation zu beenden und seine personellen Experimente einzustellen. „Mir wird zu viel Kritik geübt aus den Klubs“, entgegnete DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder auf Beckenbauers Einlassung zu stärkerem Miteinander. „Wenn man sich zusammensetzen will, müssen wir positiver sein.“

Und ein bisschen ehrlicher im Umgang untereinander. Das letzte Treffen des Bundestrainers Jürgen Klinsmann mit den Bundesligatrainern liegt gerade vier Wochen zurück. Alle Sitzungsteilnehmer lobten anschließend die harmonische Atmosphäre. Streitpunkte habe es nicht gegeben.

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