Sport : Ein ungewöhnlicher Tischtennis-Sommer für die Chinesen (Kommentar)

Karin Sturm

In den letzten Jahren sah es so aus, als könnte Europa im Tischtennis gegen die jahrzehntelang übermächtigen Asiaten, vor allem die Chinesen, ein bisschen aufholen. Nicht nur bei den Herren, wo dies mit dem Auftauchen der starken schwedischen Mannschaft um Jan-Ove Waldner schon etwas früher begann, sondern auch bei den Damen und im Mixed. Doch bei der WM in Eindhoven scheint sich diese Tendenz umzukehren. Im Mixed sind die Chinesen bereits im Viertelfinale unter sich, bei den Damen standen im Achtelfinale nur noch zwei echte Europäerinnen, dazu die für Deutschland bzw. Luxemburg spielenden Chinesinnen Jing Tiang-Zörner und Xia Lian Ni. Im Damendoppel stammen vier der acht Viertelfinalpaare aus China - und sind die erklärten Favoriten.

Natürlich ist der Grund für diese Dominanz das schier unerschöpfliche chinesische Reservoir. Eine Rolle spielt aber auch der Termin dieser WM jetzt im August, der sich durch die Verlegung der ursprünglich für April in Belgrad angesetzten Titelkämpfe ergab. Er paßt schlecht in die Aufbaupläne der Europäer. Die haben gerade erst ihre harte nationale Meisterschaftssaison beendet und stehen jetzt eher in der Vorbereitung auf die kommende Saison, die mit Olympiaqualifikation, Mannschafts-WM im Februar 2000 in Malaysia, der für die Deutschen besonders wichtigen EM in Bremen und schließlich Olympia in Sydney eine Menge Höhepunkte bringt. Da müssen Schwerpunkte gesetzt werden. Im Gegensatz zu Europa konnten sich die Asiaten, vor allem die Chinesen, optimal auf diese Meisterschaft vorbereiten. Bei ihnen hat eine WM absolut Vorrang - "das macht sich eben bemerkbar", sagt der Leistungssport-Koordinator Dirk Schimmelpfennig, nach dem Abgang des Schweden Glen Östh Interims-Trainer der deutschen Herren.

Härteste Bedingungen in der WM-Vorbereitung gab es in China, mit Training in bis zu 40 Grad heißen Hallen, mit Gesichtsmasken, um sich auf die Temperaturbedingungen einzustellen. Tischtennis im Sommer ist in China ungewöhnlich, die Wärme in der Halle von Eindhoven für die meisten Spieler ungewohnt. Die Vorbereitung trägt jetzt Früchte - auch wenn bei den Herren die Dominanz noch nicht so krass ist. Da haben die Chinesen auch schon mal den ein oder anderen Ausfall zu verkraften, wie den des an Nummer sechs gesetzen Liquin Wang gegen den Franzosen Damien Eloi. Dennoch: Die Titelfavoriten sind für viele Experten nicht der an Nummer eins gesetzte Wladimir Samsonow oder der Weltmeister Jan-Ove Waldner, die vor zwei Jahren in Manchester das Finale bestritten, sondern die Chinesen Kong Linghui und Liu Guoliang. Claude Bergeret, frühere Mixed-Weltmeisterin und heute Vorsitzende des Athleten-Komittees im Weltverband, ist sich sicher: "Es gibt ein chinesisches Endspiel."

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