Sport : „Ein unglaubliches Ergebnis“

Winfried Schäfer über Kameruns Scheitern

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Herr Schäfer, Kamerun ist in der WMQualifikation...

…ein Drama, sage ich Ihnen. In Dubai habe ich das Spiel im Fernsehen gesehen, bei einem Privatsender. Zehn Minuten vor Schluss stand es noch 1:0 für Kamerun, dann musste ich los zum Training.

Das Spiel gegen Ägypten endete 1:1, Kamerun fährt nicht zur WM, Gruppenerster wurde überraschend die Elfenbeinküste.

Ein unglaubliches Ergebnis. Mich hat am Tag danach ein Verbandsfunktionär aus Kamerun angerufen und mir erzählt, dass die Spieler nach dem Ende noch zwei Stunden lang in der Kabine gehockt haben. Die wollten nicht rausgehen, die Menge draußen war so aufgebracht. Sie haben sich einfach nicht zum Bus getraut – aus Angst, dass da vielleicht Steine fliegen könnten.

Sie trainieren jetzt Al Ahli, einen Spitzenklub in Dubai, waren aber vorher mehr als zwei Jahre lang Nationaltrainer Kameruns, ehe sie dort im November 2004 abgelöst worden sind von Artur Jorge. Woran ist Kamerun gescheitert?

Die Mannschaft hat den Fehler gemacht, dass sie nach der 1:0-Führung zu passiv war. Sie hat sich danach fast nur noch hinten reingestellt.

Was haben denn afrikanische Mannschaften wie die Elfenbeinküste, Ghana oder Togo, die sich alle für die WM qualifiziert haben, den Kamerunern voraus?

Fußball spielen können die alle. Aber das A und O ist die Disziplin. Wo keine Disziplin ist, ist kein Erfolg.

Und die Elfenbeinküste – waren die wirklich stärker als Kamerun?

Wissen Sie, da spielen auch andere Faktoren mit. Vor der Qualifikation sind zwei Kotrainer der Nationalmannschaft der Elfenbeinküste gestorben. Das war so ein Signal. Das hat die Mannschaft unheimlich zusammengeschweißt. Da haben sich die Spieler geschworen: Für die beiden wollen wir jetzt die WM-Qualifikation schaffen. Andererseits spielen bei der Elfenbeinküste natürlich auch starke Profis aus großen Klubs wie FC Chelsea, Auxerre, Feyenoord Rotterdam und RSC Anderlecht.

Wird sich Kamerun von diesem Rückschlag schnell wieder erholen?

Das bezweifle ich. Sie werden sportlich wohl leider etwas absinken. Rigobert Song und Raymond Kalla zum Beispiel, zwei fantastische Jungs, wollen aufhören, habe ich gehört. Und wer rückt für solche Spieler nach? In Kamerun gibt es nicht mal eine Jugendliga. Ich habe während meiner Zeit dort immer wieder darauf hingewiesen, dass sie diese Liga unbedingt brauchen.

Und?

Toller Vorschlag, haben die gesagt, alle haben genickt, aber keiner hat was gemacht.

Wie schätzen Sie den afrikanischen Fußball derzeit ein?

Die haben eine ganze Menge begnadeter Fußballer dort in Afrika. Die besten verdienen Millionen. Ruhm und Geld – das verkraften aber einige nicht. Die Spieler kommen aus einem Milieu von ganz unten, plötzlich tragen die Rolex und dicke Halsketten. Die ernähren dann immer gleich die ganze Familie mit. Fußball – das ist deren Brot. Die spielen bis zur Ekstase und genauso groß ist die Trauer bei Niederlagen.

Die Fragen stellte Karsten Doneck.

Winfried Schäfer (55)

wurde nach mehr als zwei Jahren am 18. November 2004 als Nationaltrainer Kameruns entlassen. Bei Al Ahli in Dubai hat er eine neue Aufgabe als Trainer gefunden.

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