Sport : Ein unscheinbares Vorbild

Anna-Lena Grönefeld ist die Hoffnung im deutschen Damentennis – dank eines Aufstiegs der kleinen Schritte

Stefan Hermanns[Hamburg]

Die Geschichte mit dem Porsche war vermutlich ein Fehler. Die Bilder, wie Anna- Lena Grönefeld im Sportwagen durch Scottsdale im US-Bundesstaat Arizona tourt, sind inzwischen mehrmals im deutschen Fernsehen gezeigt worden, weswegen die 20 Jahre alte Tennisspielerin in ihrer Heimat jetzt als Porschefahrerin gilt. Grönefeld ist schon häufiger auf die Geschichte angesprochen worden. Sie muss dann immer erklären, dass der Porsche nicht ihr gehört, sondern ihrem Trainer und Manager Rafael Font de Mora. „So ein Auto würde ich mir im Moment nicht kaufen“, sagt Grönefeld. „Ich bin nur einmal damit gefahren.“ Dummerweise hat sie das für ein Fernsehteam vom ZDF getan.

Dass die alten Bilder immer noch wiederholt werden, liegt auch daran, dass es nur wenig neues Material von Grönefeld gibt. Seitdem sie 18 ist, trainiert sie weit weg von Deutschland, in Font de Moras Tenniscamp in Scottsdale. Ursprünglich wurde ihre Ausbildung vom Deutschen Tennis-Bund, dem Niedersächsischen Verband und dem Sportartikelhersteller Adidas finanziert. Seit etwas mehr als einem Jahr benötigt Grönefeld diese Unterstützung nicht mehr: Sie hat inzwischen mehr als 750000 Dollar Preisgeld gewonnen, davon fast 550000 in diesem Jahr. In der Weltrangliste hat sie in dieser Saison einen Sprung von Platz 75 unter die Top 20 gemacht.

Für George Pascal soll das erst der Anfang gewesen sein. Der 44 Jahre alte US-Amerikaner Pascal betreibt in Bad Nauheim die Marketingagentur IMTS und hat Grönefeld im Sommer unter Vertrag genommen. Schon von Berufs wegen denkt er in größeren Dimensionen: „Unser Ziel ist, dass Anna-Lena die bekannteste aktive Sportlerin in Deutschland wird.“ Seine neue Klientin aus Nordhorn in Niedersachsen hält Pascal für „bodenständig, ehrlich, intelligent, mit einer außerordentlichen Ausstrahlung“, das perfekte Marketinggesicht sozusagen.

Im Moment arbeitet Pascal gewissermaßen an der Markeneinführung. Er hat festgestellt, dass die Berichterstattung über Grönefeld bisher eher spärlich ausgefallen ist. Deshalb hat sie nun etliche Interviews in Hamburg gegeben, und an diesem Samstag tritt Anna-Lena Grönefeld im „Aktuellen Sportstudio“ auf. Bei solchen Anlässen fällt dann immer wieder auf, dass die große Rede nicht zu ihren Stärken zählt. Man muss das von einer 20-Jährigen nicht unbedingt erwarten. Lukas Podolski ist auch kein Freund philosophischer Exkurse, aber er spielt eben besser Fußball als die meisten Jungs seines Alters. Podolski ist ebenfalls erst 20, geboren am 4. Juni 1985, am selben Tag wie Grönefeld.

Es ist eine schöne Fußnote, weil beide in ihrer Sportart als Versprechen auf eine bessere Zukunft gelten. Grönefeld ist im deutschen Tennis längst eine Ausnahmeerscheinung. Ihr Spiel ist auf Angriff ausgerichtet, anders als bei den anderen deutschen Spielerinnen, die auf Fehler ihrer Gegnerinnen warten – und sie dann selbst machen. Vor einem Jahr hat das „Tennis-Magazin“ Grönefeld als „so etwas wie die letzte Hoffnung“ im deutschen Damentennis bezeichnet, und so wie es aussieht, könnte sich diese Hoffnung schneller erfüllen als erwartet. Mitte Oktober spielte Grönefeld in Moskau gegen Maria Scharapowa, die Nummer drei der Welt. Die Deutsche führte 6:1 und 4:2. Dann knickte sie mit dem Fuß um und zog sich einen Bänderriss zu. „Ich hätte sie geschlagen“, sagt Grönefeld.

Solche Big Points fehlen ihr noch im Lebenslauf. Grönefeld stand zwar in diesem Jahr in drei Endspielen, gewonnen hat sie jedoch keins, und bei Grand-Slam-Turnieren ist sie nie über die dritte Runde hinausgekommen. Ihr Aufstieg ist ein Aufstieg kleiner Schritte, aber die Strecke, die hinter ihr liegt, ist schon jetzt gewaltig. „Man kann immer Kleinigkeiten verbessern, damit das ganze Paket besser wird“, sagt sie. Das ist auch die Grundidee, die ihr Trainer Font de Mora verfolgt. Auf der Suche nach kleinen Fortschritten hat er eigens einen Biomechaniker engagiert, der regelmäßig Grönefelds Blut untersucht und für sie einen Ernährungsplan erstellt hat. Daraufhin nahm sie innerhalb weniger Wochen acht Kilogramm ab. Auch einen Sportpsychologen hat Font de Mora herangezogen. Doch die Zusammenarbeit mit ihm hat Grönefeld vorzeitig beendet. „Ich habe nicht die Erfolge gesehen, die wir uns vorgestellt haben“, sagt sie. „Ein großer Teil hängt sowieso vom Selbstvertrauen ab, und das habe ich jetzt.“

Als Grönefeld 2003 anfing, mit Font de Mora zu trainieren, haben beide eine detaillierte Karriereplanung erstellt. Grönefeld, damals Nummer 500 der Weltrangliste, sollte bis zum Ende des Jahres 2006 unter die Top 20 kommen. Sie selbst empfand diese Aussicht schon damals als motivierend. „Jedes Jahr lagen wir besser, als wir uns erhofft haben“, sagt sie. Im nächsten will sie unter die besten zehn.

Das Geheimnis ihres Erfolges ist harte Arbeit. Barbara Rittner, Chefin des deutschen Fed-Cup-Teams, sagt, Grönefeld sei von ihren technischen und motorischen Anlagen keine Überfliegerin, umso höher ist ihr Erfolg zu bewerten. „Tennis-Deutschland hätte nichts Besseres passieren können“, sagt Rittner. Ihr auch nicht. „Als Beispiel für die anderen ist sie Gold wert.“ Wenn das Fed-Cup-Team morgens mit dem gemeinsamen Training beginnt, hat Grönefeld ihre erste Einheit bereits hinter sich. „Ich erwarte nicht, dass die anderen das auch machen“, sagt Rittner. „Aber sie sehen, dass es möglich ist, mehr zu tun.“ Anna-Lena Grönefeld übt inzwischen eine Vorbildfunktion aus, ohne dass ihr das selbst bewusst ist. Sie sagt: „Ich muss mich nicht verstellen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben