Sport : Ein Verband fürchtet den Konkurs

Die Deutsche Eislauf-Union sieht sich ohne neuen Fernsehvertrag vor dem wirtschaftlichen Ruin

Frank Bachner[Oberstdorf]

Mitten in der Kür sah es plötzlich so aus, als knallte Aljona Sawtschenko gleich aufs Eis. Sie lag fast quer in der Luft, Robin Szolkowy fing sie ziemlich spät auf, jedenfalls aus Sicht der Zuschauer in der Oberstdorfer Eishalle. Zehn Minuten später spielte sie mit einer Spitze ihres weißen Kleides und gab neben der Bande Entwarnung: „Kein Problem, das war so geplant.“ Nur dass die Kombination schief ging, das war nicht geplant. Szolkowy/Sawtschenko gewannen den Titel bei den deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaften, natürlich, aber sie wollten ihn ohne Patzer holen. „Der Fehler ärgert ich mich“, sagte Sawtschenko.

Ingo Steuer, der Trainer, nahm es gelassen. „Im Training hat es immer geklappt“, sagte er. In zwei Wochen läuft sein Paar bei der Europameisterschaft in Warschau, erst da muss die Kombination stehen. Szolkowy/Sawtschenko, die EM-Zweiten von 2006, wollen diesmal den Titel. Vermutlich hatte die 22-Jährige Sawtschenko gar nicht geahnt, wie wichtig dieser Titel ist. Das bemerkte sie erst, als sie Dieter Hillebrand zuhörte, dem neuen Präsidenten der Deutschen Eislauf-Union (DEU). Denn der verkündete: „Die ARD hat den Fernsehvertrag nicht verlängert. Damit hat die DEU 2007 einen jährlichen Verlust von 125 000 Euro. Wenn wir den bis Jahresende nicht kompensieren können, dann geht der Verband Konkurs.“

Rettung kann eigentlich nur das Paar aus Chemnitz bringen. Denn dieses Paar hat Erfolg und Ausstrahlung und ist derzeit der einzige Grund, der Fernseh-Zuschauer zum Eiskunstlauf locken könnte. Und dieses Paar ist der einzige Trumpf, den die DEU besitzt, um die ARD vielleicht doch noch zu einem neuen Vertrag zu überreden. Denn Quoten von 7,2 und 8,3 Prozent bei den ARD-Galas von 2005 und 2006 waren ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf zu schwach. „Bringen sie mir eine neue Katarina Witt“, soll er den DEU-Funktionären erklärt haben, als er ihnen begründete, warum der TV-Vertrag zum 31. Dezember 2006 auslaufen würde. Szolkowy/Sawtschenko konnten die Quoten bei der Gala 2006 nicht nach oben treiben. Die beiden liefen zur gleichen Zeit in Moskau beim Cup of Russia. Im Mai will die DEU der ARD das Konzept für eine neue Gala vorstellen. Kernpunkt ist das Duo aus Chemnitz.

Die 125 000 Euro der ARD stellten mehr als 50 Prozent der Einnahmen dar, die der Verband selber erwirtschaftet. Davon wird die Geschäftsstelle mit ihren drei Angestellten bezahlt. „Aber ohne Fernsehvertrag können wir den Sponsoren keine Plattform mehr bieten“, sagt DEU-Schatzmeister Johannes Wehr. Die Sponsoren haben bereits ihren Rückzug signalisiert.

Die DEU stand schon 2006 kurz vor dem Konkurs, das fehlende Geld aus dem Fernsehvertrag könnte nun das Aus bedeuten. „Ohne Verband gibt es keine Fördergelder, ganz einfach“, sagte Hillebrand. Mit den Fördergeldern des Bundesinnenministeriums (BMI) hält die DEU den sportlichen Betrieb am Laufen, davon werden Lehrgänge, Wettkämpfe, Trainer bezahlt.

Und weil sie so von Szolkowy/Sawtschenko abhängig sind, ist fast mit Händen greifbar, wie sehr die DEU-Funktionäre hoffen, dass Steuer im Frühjahr den entscheidenden Prozess wegen seiner Stasi-Mitarbeit gegen sie gewinnen wird. „Ich denke, dass Steuer siegen wird“, sagt Schatzmeister Wehr. „Er hat bisher alle Prozesse um seine Nominierung gewonnen.“ Auch Uwe Hanos, Jurist und DEU-Vizepräsident, sagt: „Nach vier Prozessen, die Steuer bisher gegen die DEU gewonnen hat, ist nun nicht damit zu rechnen, dass er den fünften verlieren wird. Dann hoffe ich, dass danach endlich Nägel mit Köpfen gemacht werden.“ Sprich: Dass auch das BMI, das Steuer unbedingt verhindern will, endlich Ruhe gibt. „Wer genau zuhört, kennt die Meinung des Präsidiums“, sagt Hanos. „Wir dürfen sie bloß nicht so sagen, weil wir auch unter wirtschaftlichen Zwängen stehen.“ Das BMI hatte schon 2006 der DEU monatelang Zuschüsse verweigert.

Ein Prozesssieger Steuer wäre der Idealfall für die DEU. Dann wäre die Gefahr weg, dass Szolkowy/Sawtschenko ins Profilager oder ins Ausland abwandern. Dann könnte die DEU endlich ihre einzigen Stars richtig promoten. „Das BMI müsste ein Gerichtsurteil dann auch akzeptieren“, sagt Wehr.

Bis zu diesem Prozess herrscht aber erstmal eine Art Waffenstillstand, keine weiteren Verfahren mehr. Endlich, sagt Reinhard Ketterer, der Leitende Landestrainer von Berlin: „Wenn 2007 würde wie 2006, wäre das grausam.“ Alle Lehrgänge der DEU zum Beispiel mussten gestrichen werden. Und der Berliner Eisläufer Martin Liebers musste seinen Ballettunterricht vorfinanzieren. Auch Liebers’ Trainerin Viola Striegler wartete monatelang auf Geld. 50 Prozent ihres Gehalts kommen aus BMI-Mitteln. „Allen Sportlern geht das Theater mittlerweile auf die Nerven“, sagt sie.

Bis jetzt, erklärt Schatzmeister Wehr, habe er keine Hinweise darauf, dass die BMI-Mittel für 2007 nicht überwiesen würden. Und damit das so bleibt, vermeidet DEU-Vizepräsident Hanos augenrollend jede Provokation des BMI. Mit Blick zu Steuer verkündet er stöhnend. „Man traut sich ja nicht mal, öffentlich,Herzlichen Glückwunsch’ zu sagen.“

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