Sport : Ein wahres Wunder

Der Deutsche Jan Fitschen gewinnt sensationell EM-Gold über 10 000 Meter

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Dieser Sieg könnte durchaus als größte Überraschung der Leichtathletik-Europameisterschaften 2006 in die Sportgeschichte eingehen: Der 29-jährige Jan Fitschen gewann gestern Abend in Göteborg Gold über 10 000 Meter. Nach 28:10,94 Minuten stürmte der Läufer des TV Wattenscheid ins Ziel. Jan Fitschen schaffte in Göteborg etwas, was selbst dem einst vergötterten, aber dann in seiner Dopingaffäre gestrauchelten Dieter Baumann nie gelungen war: Denn der 5000-m-Olympiasieger von 1992 war nie Europameister über die längste Bahndistanz. Wie in München 2002 hatte er auch 1998 in Budapest bei der EM Silber gewonnen. Dabei weckte der unerwartete Triumph des Jan Fitschen Erinnerungen an Baumanns Goldrennen von Barcelona vor 14 Jahren. „200 Meter vor dem Ziel habe ich geglaubt, dass ich gewinnen kann“, sagte Jan Fitschen, der auf der Zielgeraden den führenden Spanier José Manuel Martínez überholte und auf Platz zwei verwies (28:12,06). „Kurz vor dem Ziel habe ich mich noch mal umgeschaut, dann auf die Videoleinwand geschaut, die Arme hochgerissen und gedacht: Das kann doch alles nicht wahr sein.“

32 Jahre nachdem Manfred Kuschmann 1974 im Trikot der DDR Europameister geworden war, stellt Deutschland wieder einen EM-Goldmedaillengewinner über diese Distanz. „Es war genau mein Rennen, nicht zu schnell und nicht zu langsam. Ich wusste, dass ich bei einem derartigen Rennverlauf am Ende im Spurt eine Chance haben würde, doch an Gold habe ich natürlich nie gedacht“, sagte Jan Fitschen, der mutig gelaufen war gegen die vermeintlich übermächtigen spanischen Konkurrenten sowie den Cross-Serien-Europameister Sergey Lebid aus der Ukraine.

Lange Zeit sah es noch in der Schlussphase nach Platz vier aus, doch in der letzten Runde überholte Jan Fitschen alle: den Schweizer Christian Belz sowie die Spanier Juan Carlos de la Ossa und José Manuel Martinez. „Ich bin davor lange im Mittelfeld gelaufen und habe dadurch Kräfte gespart, während es an der Spitze einige Tempowechsel gab“, erklärte Jan Fitschen. „Dann habe ich gemerkt, dass ich langsam aber stetig immer weiter nach vorne kam.“

„Wenn mir vorher einer gesagt hätte, dass Jan hier gewinnt, hätte ich ihn wohl für verrückt erklärt“, sagte Fitschens Trainer Tono Kirschbaum, der in den Neunzigerjahren unter anderen den Mittelstreckenläufer Rüdiger Stenzel trainiert hatte. „Von Runde zu Runde wurde ich optimistischer. Am Ende wäre ich auf der Tribüne fast kollabiert und vom Geländer gefallen.“ Ein achter Platz, so der Coach, „wäre auch ehrenvoll gewesen“.

Im Winter hatte Fitschen, der sich als Physikstudent seit knapp einem Jahr ausschließlich auf den Sport konzentriert hatte, um in Göteborg zum Erfolg zu laufen, auf die Hallen-WM verzichtet. „Da gab es auch Kritik, aber es war der richtige Schritt“, sagte Kirschbaum. In mehreren Höhentrainingslagern bereitete sich Jan Fitschen auf die EM vor. „Es war überhaupt erst sein vierter 10 000-m-Lauf – wir haben gedacht, er hat über diese Distanz bessere Chancen als über 5000 Meter und uns deswegen für die 10 000 entschieden“, sagte Kirschbaum.

Auf eine Hallen-Weltmeisterschaft hatte Jan Fitschen schon einmal unfreiwillig verzichten müssen – und dabei hatte ebenjener Dieter Baumann eine Rolle gespielt. Im Jahr 2001 war Baumann international mit einer Dopingsperre belegt, national aber freigesprochen worden. Bei den Deutschen Meisterschaften liefen Jan Fitschen und Dieter Baumann dann gegeneinander. Der Weltverband IAAF sperrte daraufhin – regelkonform nach internationalen Richtlinien – auch Baumanns Gegner, was zur Folge hatte, dass sich ein damals bitter enttäuschter Jan Fitschen den 3000-m-Lauf von der Tribüne ansehen musste. Es wäre sein erster großer internationaler Einsatz gewesen.

Nach dem größten Triumph seines Lebens sagte Fitschen nun in Göteborg: „Ich bin nicht der neue Dieter Baumann. Ich bin der neue Jan Fitschen.“

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